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Fünf Jahre „Laudato si“ : Findet der „grüne Papst“ noch Gehör?

Wird die Agenda von Papst Franziskus in der Corona-Krise noch wahrgenommen? Bild: dpa

Die Themen Umweltschutz und Migration sind prägend für das Pontifikat von Franziskus. Doch die erwartete Rezession droht sie zu verdrängen. Zwei Reisen anlässlich fünf Jahren Enzyklika „Laudato si“ musste der Papst bereits absagen.

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          An diesem Sonntag hätte Papst Franziskus nach Feuerland reisen sollen. Aber nicht in die wirkliche „Terra del Fuego“ im äußersten Süden Argentiniens. Gut sieben Jahre nach seiner Papstwahl hat Jorge Mario Bergoglio seinen Fuß noch immer nicht auf die Heimaterde gesetzt, und auch für dieses und nächstes Jahr ist keine Reise dorthin geplant. Stattdessen hätte Franziskus die italienische „Terra dei fuochi“ besuchen sollen. Ihren umgangssprachlichen Beinamen verdankt die Gegend nördlich von Neapel dem Umstand, dass die Camorra dort jahrzehntelang illegal Müll verbrannte, auch Giftmüll. Welche Restsubstanzen in der Erde lagern, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Jedenfalls steckten die lokalen Mafiaclans den gewöhnlichen Hausmüll und den giftigen Sondermüll, den sie über eigene oder unterwanderte Firmen zuvor hatten abführen lassen, auf Brachland kurzerhand in Brand, statt ihn kostenintensiv zu entsorgen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Wegen der Corona-Pandemie kann der Papst am 24. Mai jedoch nicht wie geplant nach Acerra im Herzen der italienischen „Terra dei fuochi“ reisen. Die Stadt mit knapp 60.000 Einwohnern liegt rund zwanzig Kilometer nordöstlich von Neapel. Die Reise sei aber nur verschoben, nicht aufgehoben, versicherte am Himmelfahrtstag Bischof Antonio Di Donna, zu dessen Diözese auch die an Acerra angrenzenden Landkreise mit weiteren rund 60.000 Seelen gehören. Bei dem Besuch in Acerra hätte der Papst „gemeinsam mit den Bischöfen jener Diözesen, die am stärksten von der Umweltverschmutzung betroffen sind, die Leiden unseres Volkes hören“ sollen, hatte es Anfang Februar bei der Bekanntgabe der Reisepläne des Papstes geheißen.

          Müllberge 2013 im „Feuerland“: Mafia-Clans steckten den Unrat lieber in Brand, als ihn fachgerecht zu entsorgen.

          Den Termin seines Besuches in Acerra hatte Franziskus mit Bedacht gewählt: Es ist der fünfte Jahrestag der Fertigstellung seiner Umweltenzyklika „Laudato si“ (Sei gepriesen). Neben dem Einsatz für alle Migranten in der globalisierten Welt ist der Aufruf zum Schutz der Natur, zum gleichsam geschwisterlichen Umgang mit der Schöpfung im „gemeinsamen Haus“ Gottes das prägende Element des Pontifikats von Franziskus. In der öffentlichen Wahrnehmung, weit über den Kreis der Weltkirche hinaus, wird das Thema Umweltschutz so eng mit Franziskus in Verbindung gebracht, dass mancherorts vom „grünen Papst“ die Rede ist.

          Ein Aktionsjahr birgt die Gefahr der Verwässerung

          Die von Franziskus einberufene Amazonassynode vom Oktober 2019 unter dem Motto „Neue Wege für eine ganzheitliche Ökologie“ sollte so etwas wie eine Fortschreibung der Enzyklika „Laudato si“ sein. Das Treffen der Bischöfe aus den Staaten des Amazonasgebiets wurde aber von der Debatte um eine mögliche Lockerung des Zölibatgebots überlagert. Mit seinem nachsynodalen Schreiben „Querida Amazonia“ (Geliebtes Amazonien) vom Februar hat der Papst diese Schieflage korrigiert: Darin geht es in erster Linie um den nach seiner Ansicht erforderlichen globalen Wandel des menschlichen Wirtschaftens, weg vom Massenkonsum und der Wegwerfkultur, hin zu einer erneuerten Harmonie mit der Natur, in welcher die von der Auslöschung bedrohten indigenen Völker Amazoniens bis heute leben.

          Im Vorausblick auf den fünften Jahrestag von „Laudato si“ hatte Franziskus Anfang März in einer Videobotschaft abermals die „ökologische Krise“ des Planeten beklagt und gemahnt, endlich den „Schrei der Erde und der Armen“ zu hören. Während einer Aktionswoche sollte vom 16. bis 24. Mai in einer „globalen Kampagne“ an „Laudato si“ erinnert werden. Doch dann überschattete die Corona-Pandemie alle anderen weltpolitischen Themen, nicht nur die Agenda des Papstes. Im Vatikan entschied man sich, die Aktionswoche kurzerhand zum globalen Aktionsjahr zu erweitern. Die in aller Welt für die Woche im Mai geplanten Veranstaltungen sollen, sofern dann möglich, im Rahmen der Schöpfungszeit vom 1. September bis 4. Oktober nachgeholt werden. Vorab bleibt es aber am 24. Mai beim weltweiten gemeinsamen Gebet, das um 12 Uhr mittags Ortszeit weltweit zum fünften Jahrestag von „Laudato si“ gesprochen werden soll.

          So wie die Ausdehnung der Aktionswoche auf das Aktionsjahr die Gefahr einer Verwässerung in sich birgt, so droht auch das Thema Umwelt- beziehungsweise Schöpfungsschutz angesichts der globalen Rezession in Folge der Corona-Pandemie verdrängt zu werden. Staaten in aller Welt fördern zur Überwindung der Krise mit Billionenbeträgen Wirtschaftszweige wie Luftfahrt, Autobau oder Fremdenverkehr, die den Forderungen von „Laudato si“ eher zuwiderlaufen. Verarmte Massen in aller Welt werden beim schieren Überlebenskampf kaum auf ökologisch korrekte, aber teurere Lebensmittel und Produkte zurückgreifen können.

          Um der drohenden Vernachlässigung des Umweltgedankens entgegenzuwirken, haben am Montag 42 religiöse Institutionen verschiedener Konfessionen in 14 Ländern unter Federführung des „Global Catholic Climate Movement“ (GCCM) in einer gemeinsamen Absichtserklärung beschlossen, nicht mehr in Unternehmen zu investieren, die fossile Brennstoffe fördern oder mit ihnen handeln. Die Pandemie sei der richtige Zeitpunkt, um „die ökologische Todesspirale“ zu stoppen und „den Weg einer nachhaltigeren Lebensweise einzuschlagen“, heißt es in der Erklärung. Ob dieser Ruf, ob allgemein das Wort des „grünen Papstes“ in einer beispiellosen globalen Wirtschaftskrise Gehör findet, steht dahin.

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