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Fünf Jahre danach : Beslan und die Bewältigung der eigenen Ohnmacht

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Fünf Jahre nach dem Massaker von Beslan: Trauernde auf dem Gelände der Schule Bild: REUTERS

Anfang September 2004 schockierte die blutige Geiselnahme im nordossetischen Beslan die ganze Welt. Fünf Jahre danach ringen die Opfer noch immer um etwas Normalität. Die Wunden sind noch lange nicht verheilt. Und der kaukasische Kreis der Gewalt dreht sich weiter.

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          Am 1. September 2004 gegen neun Uhr sollte in der Mittelschule Nummer eins in Beslan der Beginn eines neuen Schuljahrs feierlich begangen werden, wie immer. Schulanfänger und Schüler aller Altersstufen waren festlich herausgeputzt zum Appell auf dem Schulhof vor der Turnhalle angetreten. Mütter mit Säuglingen im Arm waren mitgekommen, Tanten und Onkel als Zuschauer oder Begleiter der Kinder dabei.

          Väter blickten stolz auf ihre Sprösslinge und die Großväter waren sicherlich auch in Beslan überzeugt, mit den am Jackenaufschlag zur Schau gestellten Verdienstorden aus der Sowjetzeit dem Ganzen zusätzliche Würde zu verleihen. Schuldirektorin Lilija Zalijewa setzte, wie jedes Jahr, zu einer Begrüßungsrede an. Sie wurde unterbrochen, als eine Gruppe tschetschenischer und inguschetischer Terroristen die Schule überfiel. Es wurde geschossen, Menschen starben im Kugelhagel. Eine halbe Stunde später waren bereits alle, denen es nicht gelang, zu fliehen, in der Turnhalle wie Schlachtvieh zusammengetrieben. 1127 Menschen wurden als Geiseln genommen.

          Der Überfall auf dem Schulhof war nur die Vorhölle. Das große Leid nahm erst später, in der Turnhalle seinen Lauf und währte drei Tage bis zum 3. September. Erwachsene wurden vor den Augen der Kinder erschossen. Die Terroristen warfen die Leichen aus den Fenstern des Hauptgebäudes der Schule, um zu zeigen, dass sie es ernst meinten. Sie ließen von einer Geisel die Forderung an Moskau nach dem Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien übermitteln und verlangten die Unabhängigkeit dieser russischen Teilrepublik.

          Die Schule soll ein Denkmal werden

          Nichts zu trinken, außer dem eigenen Urin

          Draußen bangten die Menschen um ihre Familien in der Schule. Sie wussten, dass der Staat eher das Leben von Geiseln riskieren würde, als den politischen Forderungen der Terroristen nachzugeben. Das hatte sich 2002 zuvor in Moskau erwiesen, als Sicherheitskräfte das „Musicaltheater an der Dubrowka“ stürmten, wo Terroristen Geiseln genommen hatten, die Geiselnehmer erschossen, aber als Folge der Kämpfe auch mehr als 100 Geiseln umkamen. Damals und nun zwei Jahre später wieder, war einer der am meisten gefürchteten Terroristen, ein ehemaliger Feldkommandeur der tschetschenischen Separatisten, Schamil Bassajew, Drahtzieher und Organisator der Geiselnahmen. Bassajew wurde zwei Jahre nach dem Überfall auf die Schule von Beslan von russischen Sicherheitskräften getötet.

          Kinder und Erwachsene, die in der Turnhalle der Beslaner Schule zusammengepfercht waren, bekamen nichts zu essen und hatten auch bald nichts mehr zu trinken, außer dem eigenen Urin. Vor allem die Kinder litten unsagbar und die Erwachsenen durften ihnen nicht helfen, weil sie sonst von den Bewachern erschossen worden wären. Als am 3. September gegen 13 Uhr eine Explosion den Dachstuhl der Turnhalle in Brand setzte, und das Feuer danach eine Sprengladung der Terroristen zur Detonation brachte, als Sicherheitskräfte Turnhalle und Schule zu stürmen begannen, als mit Granaten und Panzergeschützen auf die Schule geschossen wurde, um die Terroristen zu vernichten, starben unschuldige Menschen im Flammenmeer oder im Kreuzfeuer - 331 Geiseln, darunter 186 Kinder.

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