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Front National-Bürgermeister : Vom Frankreichmüden zum Kreuzritter

Hat Bürgermeister Lansade zu seinem Amt verholfen: Front-National-Chefin Marine Le Pen Bild: Reuters

Marc-Etienne Lansade kannte die Côte d’Azur nur aus dem Sommerurlaub. Jetzt ist er Bürgermeister von Cogolin, mit Hilfe Marine Le Pens. Orientalische Märkte gibt es in seinem Städtchen nun nicht mehr. Nur noch provenzalische.

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          Die Straße nach Cogolin führt an Olivenhainen und Rebstöcken vorbei, überall duftet es nach Kräutern. Der mittelalterliche Ortskern ist von Befestigungsanlagen umgeben, ein Uhrturm überragt erhaben die Häuserreihen, die sich an die Hänge des Maurenmassivs schmiegen. Das Städtchen am Innenbogen des Golfs von Saint-Tropez könnte aus einem touristischen Modellbuch stammen. Doch es ist ein ganz anderes Bild, das Bürgermeister Marc-Etienne Lansade von Cogolin zeichnet. Er erzählt von jugendlichen Nichtsnutzen, die auf den Bänken der von Platanen beschatteten Plätze herumlungern und Passanten anpöbeln, von Taschendieben und anderen Kleinkriminellen, die sich am helllichten Tage herumtreiben, vom allgemeinen Verfall der Sitten, dem er entgegenwirken wolle. Hohe Kriminalitätsrate, hohe Arbeitslosenrate, hoher Ausländeranteil, zählt er auf. „Wir haben hier alles, worunter Frankreich leidet, nur in konzentrierter Form“, sagt Lansade.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der vierzig Jahre alte Stadtvater von Cogolin ist einer von insgesamt elf Bürgermeistern in Frankreich, die seit den Wahlen im März mit Marine Le Pens Programm auf kommunaler Ebene experimentieren. Mit den alten rechtsextremen Haudegen, die 1995 für Parteigründer Jean-Marie Le Pen in vier Rathäuser in Südfrankreich gezogen waren, hat er nichts gemein. Er sieht so aus, als sei er gerade von einem der Segelboote gesprungen, die im Jachthafen von Cogolin festgemacht haben, ein Sunnyboy der Politik, mit sonnengebräuntem Teint zum himmelblauen Hemd. „Marine-Boy“, lacht er, würden sie ihn hier nennen, und dann schildert er seinen Einzug ins Rathaus als Bekehrung eines Frankreichmüden zum Kreuzritter gegen den Niedergang.

          Schreckenszenario Überfremdung

          Eigentlich wollte sich der erfolgreiche Immobilienmakler in Luxemburg niederlassen, „es war schon alles bereit“. Nach dem Sieg des Sozialisten François Hollande hatte er, in bürgerlichen Verhältnissen in Paris aufgewachsen, die Hoffnung aufgegeben, dass sich etwas zum Besseren ändern könne. „Aber dann fand ich meine Flucht plötzlich feige und egoistisch“, sagt er. Er nahm Kontakt mit Marine Le Pen auf, die er kennengelernt hatte, „eine reine Business-Beziehung“, als die finanziell ruinierte Front National 2007 ihren Parteisitz in Saint-Cloud verkaufen musste. „Mit offenen Armen“ habe sie ihn aufgenommen. Es war der Beginn einer politischen Blitzkarriere, wie sie in keiner der etablierten Parteien möglich ist. „Cogolin, das war Marines Idee“, sagt Lansade und blickt sich in seinem schmucken Bürgermeisterbüro um, als sei er noch immer ein wenig erstaunt darüber, jetzt hier zu sitzen. Dann holt er Perrier und Cola aus einem kleinen Kühlschrank hinter seinem Schreibtisch und sagt, dass er die Halbinsel von Saint-Tropez nur von vielen Sommerurlauben kannte.

          Wie schafft es ein Zugereister innerhalb weniger Monate 53 Prozent der Wählerstimmen zu gewinnen? „Ich brachte einfach einen neuen, einen frischen Blick mit“, sagt Lansade. Er weist die Idee weit zurück, dass sich seine Wähler einen rechtsextremen Ausländerschreck wünschten. Er habe nun wirklich keine Vorurteile, schließlich lebte er mehrere Jahre selbst im Ausland, in Kroatien. „Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, den Kroaten meine französische Lebensweise aufzuzwingen“, sagt er. Genau das geschehe aber in Cogolin, wo der Wochenmarkt „einem orientalischen Basar“ wie in Marokko ähnelte – bis er als Bürgermeister Ordnung schaffte und die Genehmigungen der Markthändler überprüfen ließ. „Jetzt haben wir wieder einen provenzalischen Markt“, sagt Lansade stolz. Sein Vorgänger, ein UMP-Mann, sei „kein schlechter Typ“ gewesen, aber habe sich lieber um seine Oldtimer-Sammlung gekümmert, als die französische Lebensart gegen Überfremdung zu verteidigen. Er habe sogar eine Moschee bauen lassen und Cogolin damit zum Anziehungspunkt für muslimische Familien werden lassen, seufzt Lansade. Dabei gebe es schon für die Alteingesessenen nicht genügend Arbeit.

          Speerspitze des Machtwechsels

          Einst lebte Cogolin von Fischfang, Landwirtschaft und Handwerk. Die Anfang 1800 gegründeten Pfeifenwerkstätten „La Fabrique des Pipes“, in denen aus Heidekrautwurzeln vom Maurenmassiv die berühmten Bruyèrepfeifen hergestellt werden, zählten den General de Gaulle, Serge Gainsbourg oder Georges Brassens zu ihren Kunden. Die „Manufacture Française Cogolin“ stand ebenfalls für die Exzellenz französischer Handwerkskunst. Die handgeknüpften Teppiche aus Cogolin liegen im Weißen Haus und im Elysée-Palast. Die Teppichfabrik, für die Künstler wie Fernand Léger oder Sonia Delaunay die Muster zeichneten, aber krankt seit Jahren am Umsatzrückgang. Inzwischen ist die Traditionsfabrik von der asiatischen Firma „Tai Ping“ aufgekauft worden. „Der Ausverkauf unseres Landes muss ein Ende haben“, sagt Lansade. Als Bürgermeister seien seine Handlungsmöglichkeiten beschränkt. „Aber Marine Le Pen wird das Ruder herumreißen, wenn sie in drei Jahren in den Elysée-Palast einzieht“, sagt er. Er sieht sich als Vorhut des Machtwechsels, der die FN-Frontfrau an die Staatsspitze bringen soll.

          Schon ist er aufgesprungen und zeigt auf die Fotos von den Stadtratmitgliedern, die er an die Wand gehängt hat. „Verstehen Sie, eine 11.000-Einwohner-Stadt kann ein Bürgermeister nicht allein verwalten. Ich verstehe mich als Teamchef, nicht als Alleswisser“, sagt er. Es sei ihm gelungen, einen früheren Gewerkschaftsmann, Aimé Garnier, als Verantwortlichen für Kultur und Sport zu gewinnen. Nicht das FN-Parteibuch sei ihm wichtig, sondern die Kompetenz, behauptet Lansade. Nicht immer hat er dabei ein glückliches Händchen bewiesen. Sein Stellvertreter im Stadtrat, der Polizist Eric Masson, ist gerade wegen „ungebührlichen Verhaltens“ von seinem Posten bei der Kommunalpolizei in Cannes enthoben worden. Ein rechtliches Verfahren läuft, Lansade aber will seinem zweiten Mann nicht das Vertrauen entziehen.

          Auch er sei schon von der Presse angegriffen worden. Im April schaffte er seinen Dienstwagen ab, ließ sich aber seine Bezüge um 1250 Euro im Monat erhöhen. „Das ist ein Skandal, denn im Wahlkampf hatte er versprochen, besser zu wirtschaften“, sagt Michel Dallari von der rechtsbürgerlichen Opposition im Stadtrat. Lansade findet die Debatte kleinlich. Im nahegelegenen Le Luc hat der FN-Bürgermeister auch seine Bezüge erhöht, weil er das Amt als Vollzeitjob ausübt. „In meinem früheren Beruf würde ich mehr als das Doppelte verdienen“, sagt Lansade.

          Gute Erfolgsaussichten

          Aber auch die feindliche Linkspresse werde den Siegeszug des Front National nicht mehr aufhalten. An diesem Sonntag, hofft Lansade, wird die Partei erstmals in die zweite Parlamentskammer, den Senat, einziehen. Der 26 Jahre alte David Rachline, sein „Nachbar“, der seit März als Bürgermeister in Fréjus wirkt, tritt für Marine Le Pens Partei an. Er hat gute Erfolgsaussichten. Denn die Senatoren werden in indirekter Wahl von lokalen Mandatsträgern, Bürgermeistern und anderen Stadtratsmitgliedern gewählt. Und von denen gibt es im Département Var inzwischen jede Menge, freut sich Lansade wie ein Spieler, der vor allen anderen auf die richtige Karte gesetzt hat. Er selbst denke auch schon über ein Abgeordnetenmandat nach. „Der Marsch durch die Institutionen hat begonnen“, sagt Lansade.

          Dann muss er aufbrechen. Mit der blau-weiß-roten Trikoloreschärpe geschmückt, wird er ein Brautpaar trauen und von der Zukunft Frankreichs reden. „Wir sind die einzige Partei, die weiß, wo sie hin will, die ein Programm und eine Führungspersönlichkeit hat“, sagt er noch. „Vergessen Sie das nicht!“

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