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Friedensnobelpreisträgerin : Zerbrechlich

Die Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad spricht im niedersächsischen Landtag. Murad erhält den Friedensnobelpreis 2018. (Archivfoto) Bild: dpa

Die 25 Jahre alte Nadia Murad hat den Friedensnobelpreis für ihren Beitrag gegen sexuelle Gewalt in Konflikten gewonnen. Doch was ist ihre Geschichte? Wie kam sie nach Deutschland?

          Weltpolitik steht selten auf der Tagesordnung deutscher Landesparlamente. Im Dezember 2016 war das anders. An diesem Tag sprach Nadia Murad im Stuttgarter Landtag über den Genozid an ihrem Volk, den Jesiden. „Manchmal habe ich gedacht, dass sie auch mich zerstört haben. Und manchmal habe ich auch Gott gefragt, warum Er mich nicht auch sterben ließ wie meine Mutter und meine Brüder“, sagte die zarte und äußerst zerbrechlich wirkende Frau aus dem Nordirak damals, als sie über die Verbrechen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ berichtete. Massenhafte Erschießungen junger Männer, die hundertfache Verschleppung jesidischer Frauen, um sie als „Sexsklavinnen“ zu verkaufen, und die Auslöschung vieler jesidischer Familien.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die heute 25 Jahre alte Frau ist von den IS-Kämpfern mehrfach vergewaltigt worden, sie verlor ihre Mutter und sechs Brüder durch den Angriff der Daesh-Terroristen auf das Dorf Kocho im Nordirak. Insgesamt waren es 18 Familienangehörige der nordirakischen Bauernfamilie, die durch den Terror umkamen. „Doch heute stehe ich hier und spreche zu ihnen als Frau, die Daesh nicht zerstören konnte, die überlebt hat“, sagte sie. 2014 war Nadia Murad im Rahmen des Sonderkontingents für verfolgte Jesidinnen nach Baden-Württemberg gekommen. Initiiert hatte die Einrichtung des Sonderkontingents – nach dem Bitten des jesidischen Zentralrats – damals Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) persönlich. Eine mutige Entscheidung, denn es mussten immer wieder Landesbeamte in die Krisenregion entsandt werden.

          Für manche ist Murad eine zweite Anne Frank

          Nadia Murad gehört zu den wenigen Jesidinnen, die es schafften, über die erfahrenen Leiden überhaupt zu sprechen. „Wenn die Welt es den Terroristen erlauben würde, sich nur die Bärte abzurasieren und so zu tun, als ob nichts wäre – dann wird der Terror niemals enden“, sagte sie damals in Stuttgart – keine Sekunde wichen Anspannung und Ernst aus ihrem Gesicht. Drei Mal in Folge war sie UN-Sonderbotschafterin für die „Würde der Opfer von Menschenhandel“, sie sprach vor den Vereinten Nationen und schrieb über ihre Erlebnisse das Buch „Ich bin eure Stimme.“ Eine ihrer Beraterinnen sah in der früheren Gefangenen des IS eine zweite Anne Frank, die ähnlich wie das deutsch-jüdische Mädchen aus Frankfurt für die Weltöffentlichkeit die Schrecken eines Völkermords dokumentiert. Die Menschenrechtsanwältin Amal Clooney, Ehefrau von Schauspieler George Clooney, unterstützt Nadia Murad bis heute, sie will den Genozid an den Jesiden vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen.

          Noch vor zwei Jahren sagte Nadia Murad einem Reporter, sie wolle nie heiraten, nie eine Familie gründen oder Kinder haben. Vor ein paar Wochen verlobte sie sich in Deutschland mit einem jesidischen Mann. „Sie hat Mut gefasst und wird fröhlicher“, berichtet ein Bekannter. Eigentlich wollte sie sich demnächst ins Private zurückzuziehen und eine Lehre als Kosmetikerin beginnen. Doch als Friedensnobelpreisträgerin wird sie als Menschenrechtsbotschafterin weiterhin gefragt sein. In jedem Fall soll ihr Lebensmittelpunkt eine baden-württembergische Kleinstadt bleiben, in der sie anonym lebt. Ohne Ängste und traumatische Erinnerungen wird Nadia Murad nicht mehr leben können. 

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