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Friedensnobelpreis : Ein Preis für die Mutigen

Bild: AP

Warum der friedliche Umsturz in Deutschland 1989 noch nicht vom Nobelkomitee ausgezeichnet wurde, ist schleierhaft. Es muss sich um einen Fall fast böswilliger Ignoranz handeln. Ein Kommentar.

          Das norwegische Nobelkomitee ist sich treu geblieben. Es hat den Friedennobelpreis an die Kinderrechtsaktivisten Malala Yousafzy und Kailash Satyarthi vergeben. Es gibt gute Gründe, dass die 17 Jahre alte Pakistanerin, eine Muslima, und der sechzig Jahre alte Inder, ein Hindu, ausgezeichnet werden. Beide leisten Eindrucksvolles. Malala, die für Bildung für Mädchen in einer von Extremismus aufgewühlten Region eintritt, ist seit dem Attentat der Taliban ein Symbol für Zivilcourage geworden – und, das ist nicht despektierlich gemeint, ein Star, der im Weißen Haus empfangen wurde. Kailash zieht gegen die Ausbeutung von Kindern zu Felde, was in seinem Teil der Welt leider alltäglich ist. Malala und Kailash treten dafür ein, Kinder aus Unmündigkeit und Dunkelheit herauszuführen. Das verdient auch unsere Anerkennung.

          Doch auch andere wären eine gute Wahl gewesen und hätten die Auszeichnung verdient gehabt. In wenigen Wochen wird sich der Fall der Mauer jähren. 25 Jahre liegt dieses Ereignis zurück. Doch seine epochale, umstürzlerische Wucht wirkt bis heute nach. Diktaturen kollabierten, der Prozess der europäischen Einigung in Frieden und Freiheit wurde vorangetrieben. Warum das norwegische Nobelkomitee es nicht für würdig findet, die Ostdeutschen mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen oder gar jenen deutschen Politiker, der sich mit ganzer politischer Leidenschaft der europäischen Einigung verschrieben hatte, ist schleierhaft. Es muss sich um einen Fall fast böswilliger Ignoranz handeln. Schließlich heißt es im Vermächtnis Alfred Nobels, dass derjenige auszuzeichnen sei, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt habe. Die Folgen des Herbstes vor 25 Jahren erfüllen diese Kriterien allemal und damit auch diejenigen, welche damals gehandelt hatten, auf die Straße gegangen waren, dem Regime getrotzt und Mut bewiesen hatten.

          Mut, großen Mut haben ganz gewiss auch Malala Yousafzay und Kailash Satyarthi bewiesen. Malala hätte ihn fast mit dem Leben bezahlt. Was beide tun und getan haben, ist bewunderungswürdig. Sie inspirieren viele Menschen – und hoffentlich lassen sich von ihnen jene beeindrucken, denen Kinder- und Menschenrechte wenig bedeuten oder die bestenfalls ein Lachen dafür übrig haben. Wenn nicht Schlimmeres.

          Und doch drängt sich das Gefühl auf, dass sich das Nobelkomitee immer weiter von dem ursprünglichen „Mandat“ entfernt, der Preis seinen Nimbus einbüßt.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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