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Friedensgespräche mit den Farc : Hoffnung für Kolumbien

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Die Chancen der Friedensgespräche zwischen kolumbianischer Regierung und Farc-Guerrilla stehen gut: nach fünfzig Jahren könnte der brutale Konflikt endlich enden. Bogotá hat die Guerrilla mit militärischer Härte zermürbt.

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          Für Kolumbien ist Frieden greifbar. Sollten die Delegationen der Regierung und der Guerrilla-Organisation „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) ihre Gespräche nach dem Auftakt in Oslo in Havanna fortsetzen und sich in den kommenden Monaten tatsächlich einigen, könnte in Kolumbien ein knapp fünfzig Jahre währender Konflikt endlich zu Ende gehen, dem keine Familie im Land entrinnen konnte. Schätzungsweise 600.000 Personen wurden in diesem innerkolumbianischen Krieg getötet, Millionen zu Binnenflüchtlingen gemacht oder zu Opfern von Folter, Entführungen, Vergewaltigungen, Attentaten und Minenexplosionen.

          Die Voraussetzungen für einen Erfolg der Verhandlungen sind derzeit besonders günstig. In den neunziger Jahren hatten die Farc mehr als 20.000 Kämpfer unter Waffen, inzwischen sind es weniger als die Hälfte. Außerdem hat die Organisation ihre wichtigsten Anführer verloren. Der Veteran Manuel Marulanda, ihr legendärer Gründer, starb 2008 mutmaßlich eines natürlichen Todes. Dessen Nachfolger Alfonso Cano, der „Generalsekretär“ Raúl Reyes und der „Militärchef“ Jorge Briceño alias Mono Jojoy wurden von den kolumbianischen Streitkräften getötet.

          Uribe war militärisch gegen die Farc vorgegangen

          In der Regierung des Präsidenten Juan Manuel Santos in Bogotá hat sich dennoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Kampf nicht mit Waffengewalt zu gewinnen ist. Santos ist deshalb von seinem Amtsvorgänger Alvaro Uribe scharf kritisiert worden. Uribe hatte die Streitkräfte mit Unterstützung der Vereinigten Staaten seit dem Jahr 2002 auf einen kompromisslosen Kampf gegen die Aufständischen eingeschworen. Den Farc wurden schwere Schläge beigebracht, so dass es den Kolumbianern schon bald wieder möglich war, weitgehend sicher durch das eigene Land zu reisen.

          Ohne diese Politik der „demokratischen Sicherheit“ Uribes, bei der es nicht immer mit rechten Dingen zuging, wären diese Erfolge nicht möglich gewesen. Der Mann, der Uribes Politik als Verteidigungsminister in die Tat umsetzte – und unter anderem die spektakuläre Befreiung der sechs Jahre lang als Geisel festgehaltenen früheren Präsidentschaftskandidatin Betancourt einfädelte –, war ausgerechnet Santos. Nach seiner Wahl 2010 ins Präsidentenamt verfolgte er eine Doppelstrategie: Militärische Härte gegen die Guerrilla, gleichzeitig aber Geheimgespräche mit den Farc. Das Ergebnis sind die jetzt beginnenden Friedensverhandlungen.

          Santos hat stets betont, die alten Fehler nicht wiederholen zu wollen. Dazu zählte vor allem die Politik des früheren Präsidenten Andrés Pastrana, der 1999 der Guerrilla entgegengekommen war und Friedensgespräche auf einem „entmilitarisierten“ Gebiet im Landesinneren zugelassen hatte. Das nutzten die Farc aus, um ihre Truppen zu verstärken. Die Guerrilla versuchte sogleich nach Beginn der Friedensgespräche, in dem „neutralen“ Gebiet von der Größe der Schweiz einen Staat im Staat aufzubauen. Der Friedensprozess scheiterte im Februar 2002, kurz danach wurde Ingrid Betancourt entführt. Die Farc verbreiteten Furcht und Schrecken in Kolumbien.

          Doch der Plan, Politiker, Militärs und Polizisten als Geiseln zu nehmen, um sie als „Tauschobjekte“ gegen gefangene Guerrilleros zu verwenden, scheiterte an der Unnachgiebigkeit von Uribe und Santos. Zeitweise hatten die Farc mehr als 60 Personen in ihrer Gewalt. Sie wurden hingerichtet, konnten fliehen, sind befreit oder freigelassen worden. Eine „Gegenleistung“ hat die Guerrilla nie erhalten. Die verbliebenen Farc-Führer wurden dadurch zu Geiseln ihrer selbst; sie mögen sich immer noch als Heilsbringer sehen, doch es geht ihnen praktisch nur noch darum, ihre eigene Haut zu retten.

          In den neunziger Jahren wurden sie zu „Narco-Terroristen“

          Das ist das elende Ende eines langen Weges, der 1964 begann, als die Farc aus Aufständen der Landarbeiter hervorgingen. In den neunziger Jahren entdeckten sie den florierenden Rauschgiftanbau als Einnahmequelle und wurden zu „Narco-Terroristen“. Das unterschied sie von anderen Guerilla-Organisationen wie der „M-19“, deren Demobilisierung in den achtziger Jahren unter Präsident Betancour zwar scheiterte, die sich später aber dennoch in eine politische Gruppierung verwandeln ließ. Einige ehemalige Guerrilleros sind heute aktive Politiker, etwa der Bürgermeister von Bogotá, Gustavo Petro.

          Der Rauschgifthandel ist bis heute neben dem illegalen Bergbau die Haupteinnahmequelle der Farc-Guerrilla. Das ist zugleich die größte Belastung der Friedensgespräche: Sind die Farc überhaupt noch ein Gesprächspartner für politische Themen? Ist der Plan der Guerrilla, sich in eine politische Kraft zu verwandeln, ernst zu nehmen? Vor allem darauf richten sich die Hoffnungen der neuen Friedensinitiative. Wahrscheinlich ist, dass sich die Guerrilla in mehrere Gruppierungen aufspalten wird, ähnlich wie die unter Uribe aufgelösten paramilitärischen „Selbstverteidigungskräfte“. Einigen könnte es gelingen, in die Politik zu gehen, andere werden für ihre Untaten büßen müssen, wieder andere werden sich als gemeine kriminelle Banden organisieren, die weiterhin ihren Profit aus jeder Art von Verbrechen ziehen werden.

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