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Freitagspredigt : Chamenei stützt Ahmadineschad

  • Aktualisiert am

Beim Freitagsgebet: „Wir lassen dich nicht allein, Chamenei” Bild: REUTERS

Eine Woche nach den Präsidentenwahlen hat Irans religiöser Führer seine Unterstützung für Präsident Ahmadineschad bekräftigt. In seiner Freitagspredigt rief Ayatollah Chamenei zum Ende der Proteste auf.

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          Nach den tagelangen Protesten hat Irans religiöser Führer, Ajatollah Ali Chamenei, in seinem mit Spannung erwarteten Freitagsgebet die Nation zur Ruhe aufgerufen und sich öffentlich hinter Präsident Mahmud Ahmadineschad gestellt. Zudem betonte er vor zehntausend Gläubigen auf dem Gelände der Teheraner Universität die Rechtmäßigkeit der Wahl.

          Chamenei hat umfassende Machtbefugnisse und das letzte Wort bei allen politischen Entscheidungen im Gottesstaat. Im Gegensatz zu den Massenprotesten der Opposition in den vergangenen Tagen übertrug das iranische Fernsehen die Predigt live. Es war das erste Mal, dass sich Chamenei zu den Massenprotesten gegen das Wahlergebnis äußerte, die seit einer Woche Iran erschüttern. Die Rede begann traditionell mit einem religiösen Teil. Vor Beginn der Ansprache hatten die Zuschauer gerufen: „Wir lassen dich nicht allein, Ali (Chamenei). Wir opfern unserem Führer das Blut in unseren Adern.“ Auch Ahmadineschad nahm an dem Freitagsgebet teil.

          „Der dritte Weg“

          Chamenei gestand ein, den Ansichten des Wahlsiegers Ahmadineschad näher zu stehen als denen der anderen Kandidaten. An die Adresse des reformorientierten Wahlverlierers Mir Hussein Mussawi sagte er, politische Entscheidungen würden an den Urnen gefällt und nicht auf den Straßen. Zwischen den insgesamt vier Präsidentschaftskandidaten hat es nach Ansicht Chameneis einen offenen Wettstreit gegeben, der Wahlmechanismus erlaube keinen Betrug. Es gebe vielleicht Zweifel. „Aber wie können elf Millionen Stimmen verändert werden?“, sagte er. Dennoch sollten die Vorwürfe überprüft werden. Dies sei auch wichtig für die Glaubwürdigkeit bei künftigen Wahlen.

          Chamenei beklagt eine Kampagne „der Feinde der Islamischen Republik” im Innern und aus dem Ausland

          Die Wahlen seien eine große Demonstration der Liebe der Iraner gegenüber ihrem Staat und für ihr Verantwortungsbewusstsein gewesen, sagte Chamenei. Er sprach von einem „politisches Erdbeben“. Seit 1979 habe es keine solche große Beteiligung bei einer Wahl gegeben, es sei dabei natürlich, dass jeder an seinen Kandidaten glaube. Chamenei nannte die Wahl ein Beispiel für eine Demokratie. Die Iraner hätten den Test bestanden, und Iran habe der Welt gezeigt, was eine religiöse Demokratie sei. Es gebe „Diktaturen“, und es gebe Demokratien, die weit entfernt vom Glauben seien. In Iran begebe man sich auf einen „dritten Weg“.

          Alle Kandidaten unterstützten den Staat, so der religiöse Führer. Chamenei betonte, auch Mir-Hussein Mussawi sei ein loyaler Vertreter des Staates, und er habe seit Jahren gut mit ihm zusammengearbeitet. Unterschiede zwischen den Kandidaten habe es nur in ihren Programmen und Ansichten gegeben.

          Chamenei warf den Medien, die „zum Feind, zu den Zionisten“ gehörten, vor, die Lage falsch dargestellt zu haben. Die Feinde Irans versuchten, das Vertrauen der Menschen in Wahlen zu unterminieren. Sie hätten ihre Kampagne schon Monate vor den Wahlen begonnen, sagte Chamenei. Westlichen Führern warf er vor, sie hätten in der Debatte ihre Maske fallen gelassen und gegenüber Iran ihr wahres Gesicht gezeigt. Am schlimmsten sei dabei die britische Regierung gewesen. Chamenei erklärte, gerade in Zeiten der Unruhe biete die Religion Halt und zeige den Weg. Die Jugend müsse sich in diesen Zeiten der Religion zuwenden, um ihren Weg zu finden.

          „Ein Zeichen des Himmels“

          Es war das erste Mal seit Beginn der Massenproteste gegen die umstrittene Präsidentenwahl in Iran, dass sich Chamenei in der Öffentlichkeit äußerte. Um das Freitagsgebet nicht zu stören, hat die Opposition heute keine Kundgebungen geplant. Oppositionsführer Mussawi kündigte für Samstag eine weitere Großkundgebung an.

          Eigentlich hätte an diesem Freitag die Stichwahl stattfinden sollen. Eine Woche nach der ersten Runde der Präsidentenwahl wird der Tag aber nun auf ganz andere Weise über die Zukunft der Islamischen Republik entscheiden. Von der Wirkung der Freitagspredigt dürfte abhängen, ob der Konflikt weiter eskaliert. Der Anlass der Massenkundgebungen in dieser Woche, die vermuteten Wahlfälschungen, ist längst in den Hintergrund getreten. Eine Woche nach dem offiziell verkündeten Wahlsieg Ahmadineschads steht die Existenz der Islamischen Republik auf dem Spiel.

          Chamenei hat sich selbst in eine fast aussichtslose Lage manövriert und muss nun versuchen, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen. Schon am vergangenen Samstag hatte er, bevor der Wächterrat das Ergebnis feststellte, Ahmadineschad zu dessen Wahlsieg gratuliert, den er ein „Zeichen des Himmels“ nannte. Damit legte er sich fest. Eine Zurücknahme dieser Haltung könnte den Verlust seiner Autorität bedeuten. (Siehe auch: Iran: Vier Szenarien vor einer historischen Freitagspredigt)

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