https://www.faz.net/-gpf-a30kc
Bildbeschreibung einblenden

Freispruch im Fall Kuciak : Ein Rückschlag für die Gerechtigkeit?

Marian Kocner im Gerichtssaal Bild: Reuters

Im Prozess um den Mord am slowakischen Journalisten Jan Kuciak spricht das Gericht den Angeklagten frei. Die Richter sind nicht überzeugt, dass er den Mord in Auftrag gegeben hat. Das Urteil löst Entsetzen aus.

          4 Min.

          Der Freispruch für den Hauptangeklagten und seine Vertraute im Prozess wegen der Ermordung des slowakischen Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kušnirová hat bei vielen Beobachtern schockierte, teils aber auch empörte Reaktionen hervorgerufen. Die Eltern der beiden Opfer, die als Nebenkläger am Verfahren beteiligt waren, verließen noch während der Urteilsverkündung den Saal – zunächst ohne sich zu äußern. Journalistenverbände kommentierten, das Urteil sei ein Rückschlag für die Gerechtigkeit.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Auch die höchsten Staatsrepräsentanten kommentierten umgehend das Urteil. Präsidentin Zuzana Caputová äußerte, sie sei schockiert und müsse nun zunächst die Begründung verstehen. „Die Suche nach Gerechtigkeit wird nicht enden“, sagt sie. Ministerpräsident Igor Matovic ging noch weiter. Er befand, es sehe so aus, als ob „die offensichtlichen Drahtzieher des Mordes den Fängen der Gerechtigkeit entkommen wollen“.

          Ein Sondergerichtshof in Pezinok hatte am Donnerstag den Geschäftsmann Marian Kocner von dem Vorwurf freigesprochen, den Mord an Kuciak in Auftrag gegeben zu haben, und Alena Zsuzsová davon, als Vermittlerin des Verbrechens mitgewirkt zu haben. Nur einer der drei im Verfahren verbliebenen Angeklagten erhielt einen Schuldspruch: Tomáš Szabó war nach Erkenntnis des Gerichts einer der beiden Männer, die die Tat ausführten. Er soll als Fahrer und Unterstützer beteiligt gewesen sein.

          Als Todesschütze war Miroslav Marcek, ein Verwandter Szabós, schon im April zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden, ebenso Ende 2019 Zoltán Andruskó als Mittelsmann. Beide waren geständig, daher wurden ihre Verfahren abgetrennt und ihre Urteile vorgezogen.

          Die größten Demonstrationen seit der Samtenen Revolution

          Kocner und Zsuzsová hatten hingegen stets eine Beteiligung an dem Mord bestritten, der am 21. Februar 2018 begangen worden war und das ganze Land erschüttert hatte. Kuciak hatte für das Online-Portal Aktuality.sk Artikel über kriminelle Machenschaften von Geschäftsleuten in der Slowakei, deren Verstrickungen mit der italienischen Mafia und deren Protektion durch Politik und Justiz geschrieben. Nach seinem Tod und der postumen Veröffentlichung seines letzten Artikels, der eine mafiöse Verbindung bis in die engste politische und persönliche Umgebung des damaligen Ministerpräsidenten Robert Fico beschrieb, erhob sich ein Proteststurm im ganzen Land.

          Es gab die größten Demonstrationen seit der Samtenen Revolution von 1989. Nacheinander mussten Fico, sein Innenminister und weitere Politiker zurücktreten. Auch wenn sich herausstellte, dass sie offenbar mit dem Mord nichts unmittelbar zu tun hatten, widersprach ihr Gebaren zu sehr der Forderung der Demonstranten nach einer „anständigen Slowakei“. Fico versuchte noch, das Land aus dem Hintergrund weiter zu regieren, indem er das Amt des Ministerpräsidenten seinem Parteifreund Peter Pellegrini zuschanzte und den Vorsitz der sozialdemokratischen Smer-Partei behielt. Doch die Bürger sorgten in den zwei Jahren seither für einen vollständigen Wechsel, indem sie zunächst Caputová gegen den Smer-Kandidaten zum Staatsoberhaupt machten und dann im Februar 2020 den Konservativ-Liberalen Matovic zum Regierungschef. Inzwischen hat sich auch Pellegrini von Fico, der unverdrossen als Smer-Chef weiter mitmischen will, emanzipiert und eine eigene Partei gegründet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.