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Freigelassene Geiseln : Frankreich feiert seinen „diplomatischen Erfolg“

Raffarin und Chriac empfangen die zwei französischen Journalisten Bild: dpa/dpaweb

Präsident Chirac ließ es sich nicht nehmen, die zwei französischen Journalisten persönlich zu empfangen, die monatelang im Irak als Geiseln verschleppt waren. Ist ihre Freilassung ein Ergebnis der Pariser Irak-Politik?

          3 Min.

          Als Erfolg für die französische Diplomatie ist die Freilassung der zwei französischen Journalisten, die sich seit dem 20. August in der Gewalt der Terrorgruppe „Islamische Armee im Irak“ befanden, in Frankreich gefeiert worden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Mit einer Sondermaschine landeten Christian Chesnot und Georges Malbrunot am späten MIttwoch abend auf einem Militärflughafen bei Paris. Präsident Chirac und Premierminister Jean-Pierre Raffarin ließen es sich nicht nehmen, die Beiden persönlich zu empfanegne begrüßen.

          „Kein Lösegeld“

          Für die beiden Reporter sei ein Lösegeld „weder verlangt noch gezahlt worden“, sagte Raffarin. Frankreich werde sich „weiterhin entschlossen allen Formen des Terrorismus widersetzen“, sagte Chirac.

          In einer Fernsehansprache beschwor Chirac, der seinen Urlaub in Marokko unterbrochen hatte, Frankreichs Entschlossenheit im Kampf gegen „jegliche Form des Terrorismus“. Frankreich werde „überall die Menschenrechte und das Recht der Völker auf Selbstbestimmung verteidigen und für Frieden, Demokratie und Solidarität eintreten“, sagte Chirac. Er dankte den Franzosen für ihre Geschlossenheit, eine deutliche Anspielung auf den Einsatz der muslimischen Organisationen und des islamischen Repräsentativrates auf dem Höhepunkt der Geiselkrise.

          Einsatz der französischen Muslime

          Die gewählten Repräsentanten der etwa sechs Millionen französischen Muslime hatten sich ausdrücklich gegen die Forderung der Geiselnehmer nach Aussetzung des sogenannten Kopftuchverbotes für muslimische Schülerinnen an öffentlichen Schulen gewandt und sich zur Verfassung und den Gesetzen der Französischen Republik bekannt.

          Der Staatspräsident hob ebenfalls die Leistungen der französischen Geheimdienste bis zur Freilassung hervor. Anerkennung für die amerikanischen Verbündeten fehlte hingegen gänzlich in seiner Ansprache.

          Tolerierte Doppeldeutigkeit

          Die Geiselkrise war damit bis zu ihrem Ende geprägt von einer von offizieller Seite tolerierten Doppeldeutigkeit. Die französische Staatsführung setzte zu keinem Zeitpunkt auf die Amerikaner oder die irakische Interimsregierung, um die Geiseln freizubekommen. Statt dessen verließ sie sich auf ihr Beziehungsgeflecht in der arabisch-muslimischen Welt.

          Hohe religiöse Würdenträger wie Scheich Mohammed Sayed Tantawi in Kairo für die Sunniten und Scheich Mohammed Fadlallah in Beirut für die Schiiten appellierten auf französischen Wunsch an die Geiselnehmer, daß eine Ermordung der Journalisten gegen alle Regeln des Islams verstoße. Die Reise einer Delegation des französischen Islamrates nach Bagdad diente ebenfalls dem Ziel, den religiös-politischen Druck auf die Geiselnehmer zu verstärken.

          Außenminister Barnier trat gar im Fernsehsender Al Dschazira auf, wo er das Kopftuchverbot erläuterte und die arabisch-französische Freundschaft hervorhob. Diskret spielte er bei dieser Gelegenheit zudem auf Frankreichs Widerstand gegen den Irak-Krieg an.

          Abenteuerlicher Zwischenfall

          Auch wenig salonfähige Kontakte zu alten Bekannten des Saddam-Regimes wurden bemüht. Die Diplomatie im arabisch-muslimischen Netzwerk erklärt auch den abenteuerlichen Zwischenfall Ende September, der beinahe alle Befreiungsbemühungen torpediert hätte.

          Der UMP-Abgeordnete Didier Julia, eines der Gründungsmitglieder der französisch-irakischen „Freundschaftsgruppe“ in der Nationalversammlung, die stets gegen die Irak-Sanktionen protestiert hatte, war - offenbar mit geheimer Rückendeckung des Außenministeriums - zu einer Befreiungsmission nach Syrien aufgebrochen. Er behauptete, daß seine Kontaktleute die Geiseln freibekommen konnten. Als Helfer stand ihm ein ehemaliger Geheimdienstmann zur Verfügung, der früher auch als Leibwächter Parteigranden der rechtsextremen Front National beschützt hatte. Doch die „Operation Julia“ scheiterte spektakulär. Im Außenministerium gelang man durch den peinlichen Zwischenfall zu der Einsicht, daß nur Diskretion zum Erfolg beitragen könne. Die Affäre Julia legte zudem die fragwürdige Rolle Syriens offen, unter dessen Einbeziehung die Kontakte zu den Geiselnehmern geknüpft worden waren.

          Vereinnahmungsversuchen der Terroristen

          In dem Kommuniqué der irakischen Geiselnehmer zur Freilassung der beiden Reporter heißt es, die zwei Journalisten verdankten ihr Leben auch „den Appellen der muslimischen Organisationen und Institutionen“. Zugleich wird Georges Malbrunot und Christian Chesnot ihr „Einsatz für den Kampf der Palästinenser“ zugute gehalten. In der Auflistung der Befreiungsgründe fehlt auch nicht Frankreichs Widerstand gegen die amerikanische Politik im Irak und der Nachweis, daß die beiden Journalisten keine „amerikanischen Spione“ waren.

          Staatspräsident Chirac hat sich von derlei Vereinnahmungsversuchen bisher nicht entschieden distanziert. Seine demonstrativen Ehrerbietungen beim Tod des Palästinenserpräsidenten Arafat in einem französischen Militärkrankenhaus wie seine fortdauernde Kritik an Washingtons Irak-Politik weisen nicht darauf hin, daß er sich gegen diese Vereinnahmung zur Wehr setzen will. Premierminister Raffarin hat vor den Vertretern aller im Parlament vertretenen Parteien am Mittwoch bekundet, Frankreich habe kein Lösegeld gezahlt. Die Entführer sollen die zwei Geiseln also nur „aus politischen Gründen“ freigelassen haben.

          Ohne irakische Hilfe

          Chirac hat mit seiner Politik in Kauf genommen, daß die irakischen Interimsbehörden Frankreich mit großem Mißtrauen begegnen. Der seit September angekündigte Besuch des irakischen Übergangspräsidenten in Paris hat noch immer nicht stattgefunden.

          Der irakische Regierungschef Allawi sparte in der Vergangenheit nicht mit Kritik an Chirac. Der irakische Botschafter in Paris, Mouaffak Aboud, rief Chirac in einem Gespräch mit der Zeitung „Le Monde“ dazu auf, endlich in die Zukunft zu blicken und sich nicht mit rückwärtsgewandter Rechthaberei zu begnügen. Der Botschafter bedauerte, daß die Franzosen „Gefangene ihrer Vorkriegshaltung“ und nur daran interessiert seien, aufzuzeigen, wie ihre negativen Prognosen sich erfüllt hätten. „Wir hoffen, daß Frankreich künftig besser mit uns zusammenarbeitet und uns bei der Ausbildung unserer Sicherheitskräfte hilft“, sagte der Botschafter.

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