https://www.faz.net/-gpf-w0sl

Freie Wahlen: Fehlanzeige : Das Kreuz an der falschen Stelle

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa, AP, Reuters, AFP

Putin, Chávez oder Ahmadineschad: Wenn Wahlen zur reinen Formsache werden, ist die Kritik aus dem Westen nicht weit. Doch was, wenn die Wähler gar nicht auf Demokratie aus sind? Warum andere Völker nicht so abstimmen, wie wir das gerne hätten.

          4 Min.

          Vor einer Woche haben die Russen ein neues Parlament gewählt, und nach Ansicht vieler westlicher Kommentatoren konnten sie gar nicht anders, als dabei die falsche Entscheidung zu treffen. Das Ergebnis der Wahl stand von vornherein fest. Eine Sieben-Prozent-Hürde und die Kontrolle der Regierung über Medien und Verwaltung sicherten der Putin-Partei „Einiges Russland“ den Sieg. Doch wie hätte der Westen reagiert, wenn es diese Hindernisse nicht gegeben hätte? Wenn die Menschen frei gewesen wären, sich für Oppositionspolitiker wie den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow zu entscheiden - es aber, wofür vieles spricht, trotzdem nicht getan hätten?

          Dann hätten wir uns eingestehen müssen, dass die Russen - und nicht nur sie - die vermeintlichen Segnungen der Demokratie gar nicht so vermissen, wie sie es unserer Meinung nach tun sollten. In Wahrheit steht nämlich eine große Mehrheit hinter Putins „souveräner“ Herrschaft. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen historische, denn bis 1989 wurde Russland fast immer autokratisch regiert. Solche tiefen Prägungen streift man nicht von heute auf morgen ab. Wahlen, sagt der russische Meinungsforscher Lew Gudkow, seien in Russland deshalb eine reine Formalität, eine „Zeremonie der Legitimierung der Partei, die ohnehin an der Macht ist“.

          Russen verkaufen Demokratie fürs Wirtschaftswachstum

          Tatsache ist zum anderen, dass Russland unter Putin stabiler, reicher und einflussreicher geworden ist. Wen interessiert es da schon, was wirklich das Verdienst Putins ist und wo ihm nur die Umstände, etwa das Steigen der Energiepreise, in die Hände spielten? Gudkow schätzt, dass derzeit nicht mehr als fünfzehn Prozent der Russen sich für eine demokratische Partei entscheiden würden. Dass Nationen anders wählen, als es gut für sie ist (oder für uns, die wir uns wünschen, sie hätten anders entschieden), kommt häufiger vor, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Die Ursachen sind so vielfältig wie die Beispiele, die sich dafür anführen ließen.

          Bilderstrecke

          Nehmen wir etwa die Vereinigten Staaten. Waren es nicht die Amerikaner, die sich selbst und ihren Verbündeten einen Haufen Scherereien hätten ersparen können, wenn nur ein paar hundert mehr von ihnen an jenem denkwürdigen Tag im November 2000 ihr Kreuz hinter dem Namen Al Gore gemacht hätten (oder wenn der Oberste Gerichtshof nicht entschieden hätte, die Nachzählungen in Florida zu beenden)? Aber nein, vier Jahre später machten sie den gleichen Fehler wieder - und Europa stöhnte von neuem auf. Dahinter stand wie beim ersten Mal der naive Glaube, „der andere“, ob er nun Gore oder Kerry hieß, sei mehr wie wir selbst - irgendwie nicht ganz so konservativ, kriegerisch, religiös und unilateral, netter zu den Vereinten Nationen und natürlich auch aufgeschlossener gegenüber den Ratschlägen des „alten Europa“.

          Leichtes Spiel für Populisten

          Aber Amerika ist eben nicht so, zumindest nicht die Mehrheit der Amerikaner. Für manchen mag das eine Enttäuschung sein. Der 11. September 2001 jedenfalls hätte auch ohne George Bush stattgefunden, und niemand kann sagen, wie ein Präsident Al Gore dem traumatisierten amerikanischen Volk Trost gespendet hätte. Mit einer Blaupause zur Rettung des Weltklimas wohl eher nicht. Der Terroranschlag auf New York hat die gesamte amerikanische Politik durcheinandergewirbelt. Als der Sturm sich wieder etwas gelegt hatte, konnte sich kaum noch jemand daran erinnern, wieso damals eigentlich der Präsidentensohn aus Texas gegen den Senatorensohn aus Tennessee obsiegt hatte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schriftsteller Peter Handke

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.