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Emanzipation in Indien : Beten für Gleichberechtigung

Schutz vor dem Hass der Hindus: die beiden Frauen Kanaka Durga and Bindu Ammini (hinten) in der Nähe des Tempels Bild: AFP

In Indien haben zwei Frauen trotz Protests einen Tempel besucht. Solidarität erfuhren die beiden Aktivistinnen von tausenden anderen Frauen. Doch nicht überall kam die Aktion gut an.

          Die Inderin Bindu Ammini ist eine Pionierin. Zusammen mit Kanaka Durga hat sie am Mittwoch Geschichte geschrieben. Die beiden Aktivistinnen waren die ersten Frauen im gebärfähigen Alter überhaupt, die den Tempel von Sabarimala im südindischen Bundesstaat Kerala besucht haben. Das Heiligtum verbietet Frauen im Alter von zehn bis fünfzig Jahren eigentlich den Zugang zu dem Tempel. Den Hindu-Priestern gelten sie insbesondere während ihrer Menstruation als unrein. Indiens Oberster Gerichtshof hatte das „patriarchalische“ Verbot im September des vergangenen Jahres jedoch gekippt, da es gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung verstoße. Seither hatten Massenproteste konservativer Hindus die Umsetzung des Richterspruchs verhindert.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Noch vor einem Monat hatte ein wütender Mob die beiden Aktivistinnen verjagt. Rund ein Dutzend weitere Frauen hatten vergeblich versucht, in den Tempel zu gelangen. Die 42 und 44 Jahre alten Frauen berichteten in der indischen Presse, dass sie den Tempel am frühen Mittwochmorgen gegen 3.30 Uhr Ortszeit betreten hätten. Sie hatten einen Hintereingang benutzt. So konnten sie die protestierenden Hindus umgehen. Auf einem kurzen Video, das den Besuch belegen soll, waren zwei Personen mit schwarzen Kopftüchern zu sehen, die eilig durch eine dunkle Anlage marschierten. „Drinnen waren eine ganze Menge Gläubige. Deshalb konnten wir nicht lange im Inneren des Tempels verbringen. Aber wir verbrachten eine gute Zeit auf dem Gelände des Tempels“, sagte Ammini der Zeitung „Times of India“. Während ihres Aufenthalts hätten sie auch vor dem Schrein gebetet. Polizisten in Zivilkleidung hatten die Frauen zu ihrem Schutz begleitet.

          Familien unter Polizeischutz gestellt

          Bei den Verantwortlichen des Tempels kam die Aktion nicht gut an. Sie schlossen den Tempel nach Bekanntwerden des Besuchs für etwa eine Stunde, um „Reinigungsrituale“ durchzuführen. Unter indischen Frauenrechtlerinnen wird der Tempelbesuch als Erfolg gewertet. Sie wenden sich unter anderem gegen die religiös begründete Stigmatisierung von Frauen, die ihre Periode haben. In den meisten Hindu-Tempeln sind Frauen während ihrer Monatsblutung von religiösen Ritualen ausgeschlossen. Aber nur wenige haben ein so strenges Zutrittsverbot wie der Tempel von Sabarimala.

          Die Aktion der beiden Frauen folgt einen Tag auf eine großangelegte Solidaritätsbekundung Hunderttausender Inderinnen. Sie hatten am Dienstag mit einer 620 Kilometer langen Menschenkette für ein Zutrittsrecht zu dem Tempel demonstriert. Aufnahmen zeigten eine schier endlose Aneinanderreihung von Inderinnen in bunten Gewändern. Die „Mauer der Frauen“, die etwa 15 Minuten gehalten haben soll, war von der von Kommunisten angeführten Left Democratic Front organisiert worden. Sie setzt sich für eine grundlegende Verbesserung der Lebensumstände indischer Frauen ein. Indien gilt als eines der gefährlichsten Länder für Frauen auf der Welt. Seit der Massenvergewaltigung und Ermordung einer Studentin in Delhi im Jahr 2012 ist das Thema in das Bewusstsein gerückt. Aktivistinnen weisen allerdings darauf hin, dass das Land auch eine starke feministische Bewegung hervorgebracht hat.

          Darüber hinaus gab es vor allem von Seiten traditioneller Hindus Kritik an dem Besuch der beiden Frauen in dem Tempel. Dazu gehört auch die Bharatiya Janata Party (BJP) von Ministerpräsident Narendra Modi. Sie sprach von einem „schwarzen Tag“ und rief in der Landeshauptstadt Thiruvananthapuram zu Massenprotesten auf. Dabei kam es auch zu Zusammenstößen mit der Polizei. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor. Kritiker sehen das Zutrittsverbot für Frauen nicht in einer patriarchalischen Denkweise, sondern in der zölibatären Lebensweise des Hindu-Gottes Ayyappa begründet, dem in der Tempelanlage gehuldigt wird. Diese Ansicht hatte auch das Oberste Gericht von Kerala vor 27 Jahren in einem Urteil vertreten. Durch die Entscheidung der höheren Instanz war dieses Urteil aber aufgehoben worden.

          Selbst die Kongresspartei, die sonst selten einer Meinung mit der BJP ist, hatte den Tempelbesuch kritisiert. Einer ihrer Vertreter sprach von einem „Bruch der Traditionen“. Der Oberpriester des Tempels verteidigte das Verbot. „Das sollte nicht als Diskriminierung gegenüber Frauen verstanden werden, da es kein Verbot für Frauen insgesamt gibt, den Tempel von Sabarimala zu besuchen“, sagte Kandararu Rajeevararu der Zeitung „The Hindu“. Für Donnerstag hat eine Dachorganisation der Hindu-Nationalisten, die Sabarimala Karma Samithi, einen Generalstreik im gesamten Bundesstaat Kerala angekündigt. Zu Ehren des Ayyappa kommen insbesondere im Dezember und Januar Millionen Menschen nach Sabarimala, um barfuß über 18 heilige Stufen den Tempel zu betreten. Mit der hohen Zahl an Besuchern ist er einer der bedeutendsten Pilgerorte der Welt. Einige sollen ihre Wallfahrt zu dem heiligen Schrein nun aber abgebrochen haben, da dieser durch den Besuch der Frauen verunreinigt sei.

          Zu den Unterstützern der Frauen gehört dagegen der Landeschef von Kerala, Pinarayi Vijayan. Er bestätigte am Mittwoch den Tempelbesuch. „Zuvor war der Aufstieg durch unzureichende Sicherheitsvorkehrungen verhindert worden. Die Polizei ist verpflichtet, ihnen Schutz zu gewähren“, sagte er laut der Zeitung „The Hindu“. Mit Blick auf die Parlamentswahl im Mai könnte sich der Streit um religiöse Empfindlichkeiten der Hindus noch weiter zuspitzen. Ministerpräsident Modi und seine BJP verfolgen im Wahlkampf einen verstärkt hindunationalistischen Kurs. Oppositionelle, Aktivisten und Angehörige von Minderheiten beklagen Anfeindungen und eine zunehmend vergiftete Atmosphäre. Das bekommen nun auch die beiden Frauen zu spüren. Nachdem ihr Tempelbesuch bekannt geworden war, wurden ihre Familien unter Polizeischutz gestellt.

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