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Islam in Frankreich : Imame mit den Werten der Republik

Der französische Präsident Emmanuel Macron (rechts) und der Vorsitzende des französischen Islamrates, Mohammed Moussaoui (links), am 18. Januar im Élysée-Palast Bild: EPA

Die islamischen Verbände Frankreichs haben sich nach zähem Ringen auf eine Wertecharta für die Ausbildung von Imamen verständigt. Dazu gehört die Achtung demokratischer Werte und die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

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          Der französische Präsident Emmanuel Macron hat einen Durchbruch in den Verhandlungen über eine verbindliche Wertecharta für muslimische Prediger in Frankreich bestätigt. Er empfing am Montagmittag Repräsentanten des französischen Rates für den muslimischen Kultus (Conseil français du culte musulman, CFCM) im Elysée-Palast, um die letzten noch zögernden Verbände zur Unterschrift unter das Dokument zu bewegen. Damit will er den Weg frei machen für die Gründung eines Imamrates, der fortan Imame in Frankreich zulassen und überprüfen soll.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das Thema ist seit Jahren ein Zankapfel, denn viele muslimische Verbände wollten sich nicht ausdrücklich zur Achtung der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung verpflichten, insbesondere im Verhältnis zu Frauen und zu Nichtmuslimen. Im vergangenen Februar hatte Macron in Mulhouse angekündigt, dass ein „politischer Islam“ keinen Platz in Frankreich habe. „Der französische Staat kann die Imame nicht ausbilden und kontrollieren. Aber wir können den CFCM bitten, diejenigen auszubilden und zuzulassen, die im Namen des Islams in Frankreich predigen“, sagte der Präsident.

          Auf diese Weise entstehe eine „Kultus-Polizei“. Fortan sollten Versuche, die Rechtsordnung zu unterlaufen, schneller entdeckt und geahndet werden können, formulierte Macron als Ziel. Die strikte Trennung von Kirche und Staat hat in Frankreich zur Folge, dass die Regierung anders als in Deutschland geplant nicht selbst die Ausbildung der Imame übernehmen kann.

          Eklat wegen „islamistischer Ideologie“

          Während das Prinzip eines selbstverwalteten Imamrates auf Zustimmung stieß, gerieten die neun Verbände des CFCM in einen heftigen Streit über den Text der Wertecharta. Sechs Wochen lang wurde intensiv verhandelt, zeitweise schien das Projekt vor dem Aus zu stehen. Aus Protest gegen die „islamistische Ideologie“ etlicher Vertreter verließ der Rektor der großen Moschee von Paris, Chems-Eddine Hafiz, Ende Dezember die Verhandlungen im Eklat.

          „Ich kann nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die der Republik keinen Respekt entgegen bringen“, schrieb der Rektor in einem Brandbrief. Er hatte sich nach der Ermordung des Geschichtslehrers Samuel Paty durch einen Islamisten für die Trennung von Religion und Politik stark gemacht. Seiner Verurteilung der Straftat fügte er hinzu, dass auch muslimische Kinder lernen müssten, mit Karikaturen über ihre Religion umzugehen. Er erhält seither Drohungen und steht unter Polizeischutz. Die große Moschee in Paris ist in Trägerschaft des algerischen Staates.

          Verurteilung von Zwangsheiraten

          Der Streit in den Verhandlungen hatte sich an der Frage entfacht, ob in der Charta die Strömungen namentlich erwähnt werden sollten, die eine politische Instrumentalisierung des Islams betreiben. So war in der ursprünglichen Fassung geplant, den Salafismus, die Muslimbruderschaft und den Wahhabismus ausdrücklich als „inkompatibel“ mit der französischen Republik herauszustellen. Wie das „Journal de Dimanche“ schrieb, soll an dieser Formulierung in der Endfassung festgehalten worden sein. Ein Nebensatz verweist auch auf „nationalistische Strömungen“, die von ausländischen Mächten gesteuert würden. Dagegen hatten Vertreter von vier Verbänden zunächst protestiert.

          Zudem kam es zu Verwerfungen in der Frage des Umgangs mit muslimischen Franzosen, die sich von der Religion lossagen. Bislang wurde Apostasie von vielen Predigern kriminalisiert. Zu den Gegnern einer Glaubensfreiheit zählte die einflussreiche „Islamische Konföderation Milli Görus“, die von der Türkei abhängt. Besonders heftig soll die Debatte darüber verlaufen sein, ob Frauen in der Charta gleiche Rechte wie Männern eingeräumt werden sollten. Auf Wunsch des Innenministers soll ausdrücklich erwähnt werden, dass Jungfräulichkeitszertifikate keine religiöse Verpflichtung seien. Zudem soll in der Charta stehen, dass Zwangsheiraten nicht mit dem französischen Islam vereinbar seien. Der Innenminister hat noch am Wochenende persönlich die letzten Verhandlungen geführt.

          Jungfräulichkeitszertifikate sind nicht islamisch

          Der endgültige Text der Charta ist noch nicht veröffentlicht worden. Laut Informationen des „Journal de Dimanche enthält“ er unter anderem folgende Passage: „Die Unterzeichner verpflichten sich, die Lossagung vom Islam nicht zu kriminalisieren“. Sie verpflichten sich demnach auch „nicht zu physischer oder psychischer Gewalt gegen diejenigen aufzurufen, die auf ihre Religion verzichten“. Im Text steht laut der Zeitung zudem, dass „die Gleichheit zwischen Männern und Frauen unantastbar ist“.

          Weiter heißt es demnach darin, „bestimmte kulturelle Praktiken gehen nicht aus dem Islam hervor“. Gemeint sind damit Jungfräulichkeitszertifikate und Genitalbeschneidungen. In der Charta stehe zudem, dass „Vorwürfe eines staatlichen Rassismus wie auch andere Opferhaltungen diffamierend sind“. Der CFCM-Vorsitzende Mohammed Moussaoui, teilte am Montag mit, dass in der Charta „die Vereinbarkeit des muslimischen Glaubens mit den Werten der Republik und der Laizität“ hervorgehoben werde.

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