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Französische Experten : „Arafat wurde nicht vergiftet“

Jassir Arafat Bild: Reuters

Der frühere Palästinenserführer Jassir Arafat soll nun doch nicht vergiftet worden sein. Das sagen französische Experten - und widersprechen damit einem Gutachten aus der Schweiz. Arafats Witwe reagierte schockiert.

          Suha Arafat weiß nicht mehr, was sie glauben soll. Sie sei von den „Widersprüchen sehr erschüttert“, sagte die Witwe des Palästinenserführers am Dienstagabend. Zuvor hatten französische Wissenschaftler laut Presseberichten ausgeschlossen, dass Jassir Arafat durch den radioaktiven Stoff  Polonium vergiftet worden sei. Das meldete der französische Sender „France Inter“, der sich auf ungenannte Fachleute berief, die an der Untersuchung beteiligt sind. Arafat sei nach einer Infektion an Altersschwäche gestorben, hieß es weiter in dem Bericht.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Anfang November war für Suha Arafat noch alles klar. Es handele sich um „das Verbrechen des Jahrhunderts“, sagte sie, als sie den Untersuchungsbericht des Lausanner „Institut de radiophysique“ erhielt. „Was sollen wir denn nun glauben?“, teilte sie nun in einer ersten Presseerklärung hilflos mit. Sie bezichtige niemanden, ihren Ehemann getötet habe.

          Schweizer Forscher fanden Polonium 210

          Schon die Schweizer Wissenschaftler waren sich damals nicht so sicher wie Suha Arafat: Derzeit lasse sich lediglich nicht ausschließen, dass Arafat vergiftet worden sei, sagte François Bochud, Chef der Strahlenphysik des Instituts Anfang November. In ihrem Bericht schreiben die Forscher, sie hätten eine achtzehnfach erhöhte Konzentration der radioaktiven Substanz Polonium 210 in Gewebeproben Arafats gefunden. Die Untersuchungen, schreiben sie, „unterstützen in begrenztem Maße die These, dass der Tod die Konsequenz einer Vergiftung durch Polonium 210 war“.

          Arafats Witwe Suha Arafat am Dienstag auf der Pressekonferenz in Paris Bilderstrecke

          Am 27. November 2012 war Arafats Mausoleum in Ramallah geöffnet worden. Palästinensische Ärzte entnahmen seinen sterblichen Überresten 20 Gewebeproben und übergaben sie Experten aus der Schweiz, Frankreich und aus Russland. Kurz vor dem neunten Jahrestag von Arafats Tod am 11. November legten die Schweizer Wissenschaftler als Erste ihre Ergebnisse vor. In Moskau war im Oktober eine Äußerung eines Labormitarbeiters dementiert worden, der mitgeteilt hatte, es seien keine Spuren von Polonium entdeckt worden. In Russland steht der offizielle Abschlussbericht noch aus. Nach entsprechenden Bitten aus Ramallah dauern die Untersuchungen angeblich noch an.

          Kostspielige Untersuchung der Kleidung

          Recherchen des qatarischen Senders Al Dschazira hatten im Sommer 2012 den Verdacht einer Vergiftung durch Polonium 210 aufkommen lassen. Dafür gab der Sender auch die kostspielige Untersuchung von Arafats Kleidung in Lausanne in Auftrag. Bis dahin hatten zwei palästinensische Untersuchungskommissionen ergebnislos nach der Todesursache gesucht. Nach der Ausstrahlung der Dokumentation im Juli 2012 erklärte sich Arafats Nachfolger Mahmud Abbas bereit, den Leichnam des früheren PLO-Chefs für weitere Tests zu exhumieren. Abbas’ Autonomiebehörde hatte darauf bestanden, nicht nur das Schweizer Labor, mit dem Al Dschazira zusammenarbeitet, sondern zusätzlich ein russisches Labor mit der Untersuchung zu beauftragen.

          In Frankreich läuft ein Ermittlungsverfahren, nachdem Arafats Witwe in Paris wegen Mordes Anzeige gegen unbekannt erstattet hatte. Israel hat von Anfang an bestritten, etwas mit dem Tod Arafats zu tun zu haben.

          Palästinenser: Lasst Arafat in Frieden ruhen

          Ein Sprecher des Außenministeriums rief am Dienstag dazu auf, Arafat nun in Frieden ruhen zu lassen. Von einer unnatürlichen Todesursache sind jedoch viele Palästinenser überzeugt. Nur Staaten, aber keine Einzelpersonen besäßen Polonium, sagten PLO-Vertreter, die bis zuletzt eine internationale Untersuchung des mysteriösen Todes des Palästinenserführers forderten.

          Das würde Fragen nach sich ziehen, die für einige Palästinenser unangenehm werden könnten: Sollte Arafat wirklich mit Polonium vergiftet worden sein, müsste es palästinensische Komplizen gegeben haben, die ihm das Polonium verabreichten. Wegen strenger Sicherheitsvorkehrungen hatten 2004 nur wenige Zugang zu Arafat - unter ihnen palästinensische Politiker, die heute noch an der Macht sind.

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