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Franziskus besucht Roma : Der Papst zu Gast im Ghetto

Papst Franziskus am Dienstag in der Roma-Siedlung in Košice Bild: AFP

Franziskus besucht in der Slowakei eine der größten Siedlungen von Roma in Europa und fordert ein Ende der Diskriminierung. Viele Slowaken aber schämen sich für den Besuch des Papstes in der Elendssiedlung.

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          Sehr deutlich hat sich Papst Franziskus bei seinem Besuch in der Slowakei gegen Ausgrenzung und Diskriminierung gewandt. „Zu oft seid ihr Gegenstand von vorgefassten Meinungen und erbarmungslosen Urteilen, diskriminierenden Stereotypen, diffamierenden Worten und Gesten“, sagte das Kirchenoberhaupt am Dienstagnachmittag den Angehörigen der Roma-Minderheit, die er in der Plattenbausiedlung Luník IX im ostslowakischen Košice besucht hatte. Zugleich mahnte der Heilige Vater auch die Bewohner. Zum friedlichen Zusammenleben zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der Minderheit führe allein Integration, sagte er.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Das Viertel Luník IX, das der Papst am Dienstagnachmittag besuchte, genießt keinen guten Ruf. Nicht in Košice, mit rund 240.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Slowakei, nicht in der gesamten Republik, nicht in Europa. Denn es ist eine der größten Roma-Siedlungen des Kontinents. Mehr als 6000 Roma leben in diesem Ghetto, genau weiß es niemand. Neunzig Prozent von ihnen haben keine feste Arbeit, die meisten leben von der kärglichen Sozialhilfe und vom Kindergeld. Die Lebensbedingungen hier als prekär zu bezeichnen wäre ein Euphemismus. In Luník IX herrscht das schiere Elend. Nicht in allen der Plattenbau-Wohnblocks aus sozialistischer Zeit, aber in den allermeisten von ihnen

          Gescheitertes Sozialexperiment aus kommunistischer Zeit

          An den Tagen vor dem Papstbesuch vom Dienstagnachmittag waren allerlei Vorbereitungen getroffen worden. Man hatte das Gras gemäht, Müll abgefahren und Unrat eingesammelt, Straßen und Gehwege gefegt. Was sich in der Kürze aber nicht beseitigen ließ, das war der Fäkaliengeruch, der auch am Tag des Papstbesuches aus manchem Hauseingang drang und über dem Rinnsal entlang der vierspurigen Straße lag. Das Viertel Luník IX entsprang Ende der Sechzigerjahre den Köpfen der Stadtplaner und „Sozialingenieure“ der damaligen sozialistischen Tschechoslowakei. Die halbsesshaften Roma, so die Idee, sollten aus ihren Barackensiedlungen vor den Toren des Schwerindustrie-Standorts in moderne Plattenbauwohnungen am Stadtrand umgesiedelt werden, um sich dort in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren.

          Riesiges Interesse: Roma warten auf die Ankunft von Papst Franziskus in der Siedlung Luník IX in Košice.
          Riesiges Interesse: Roma warten auf die Ankunft von Papst Franziskus in der Siedlung Luník IX in Košice. : Bild: EPA

          Die Wohnungen in dem Neubauviertel, benannt nach den sowjetischen Luník-Mondsonden der Fünfzigerjahre, wurden zunächst nur zu einem guten Drittel Roma-Familien zugeteilt. Der Rest ging an Armee- und Polizeiangehörige sowie an Stahlarbeiter. Doch das Sozialexperiment zur Einhegung der Roma, deren Lebensweise routinemäßig mit Armut und Unrast assoziiert wurde, mittels Sicherheitskräften und deren Familien im Plattenbau war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Noch zu Spätzeiten des Sozialismus zogen die Soldaten-, Polizisten- und Arbeiterfamilien fort, immer mehr Romas zogen zu.

          Nach dem Fall des Kommunismus von 1989 setzte sich die Ghettoisierung des ursprünglich für 2000 Einwohner geplanten Modellviertels ungebremst fort. Die Einwohnerzahl schwoll rasch auf das Dreifache der errechneten Kapazität an. Weil die Ärmsten der Armen unter den Roma die Strom-, Gas- und Heizungsrechnungen für ihre Wohnungen nicht bezahlten, wurde von den Stadtwerken in ganzen Blocks die Versorgung abgestellt.

          Kinder hatten schon Tage vor dem Besuch „pápež“ gerufen

          Die innere Segregation von Luník IX ist leicht zu erkennen. In den „besseren“ Wohnblocks nahe der Straße ist auf fast jedem Balkon eine Satellitenschüssel angebracht, mitunter steht ein Gefrierschrank daneben, auf den Parkplätzen sind Mittelklassewagen geparkt. In den Blocks ohne Strom- und teils auch ohne Wasserversorgung sammeln die Leute im angrenzenden Wald Zweige und Äste für die anstehende Heizperiode.

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