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Franziskus besucht Roma : Der Papst zu Gast im Ghetto

Neugierige Kinder: Die Jüngsten konnten die Ankunft von Papst Franziskus in ihrem Viertel kaum erwarten.
Neugierige Kinder: Die Jüngsten konnten die Ankunft von Papst Franziskus in ihrem Viertel kaum erwarten. : Bild: AFP

Die jungen Beamten von der Bereitschaftspolizei, die zur Bewachung der Gerätschaften im Pfarrhof von Luník IX abkommandiert waren, wollten zwar nichts zur Bedeutung des Papstbesuchs in der Slowakei und in Košice sagen. Die meisten Leute im Viertel hießen den Papstbesuch gut, auch wenn nur wenige die Hoffnung auf unmittelbare Verbesserungen äußerten. Die Kinder des Viertels jedenfalls hatten schon Tage vor dem Besuch unentwegt „pápež“ (Papst) gerufen, wenn sie jemand „von draußen“ in ihrem Viertel ausmachten.

Stadtteil-Bürgermeister Marcel Šaňa, der in Luník IX aufgewachsen ist und vor sieben Jahren als erster örtlicher Roma mit Universitätsabschluss in sein Amt gewählt wurde, bezeichnete den Besuch von Papst Franziskus als „große Ehre für uns“ und als wichtiges „Zeichen der Unterstützung für die sozial Benachteiligten“. Šaňa wird im Viertel und in ganz Košice weithin gelobt für seine Arbeit in Luník IX. Müllabfuhr und Straßenbeleuchtung funktionieren meist, mehr Kinder besuchen die örtliche Grundschule und den Kindergarten, die Sicherheitslage hat sich dank der Installation von Überwachungskameras verbessert.

Schon seit 2008 gibt es die katholische Pfarrei „Don Bosco“ der Salesianer in dem Viertel. Peter Žatkulák ist einer von vier Priestern der Pfarrei. „Man hat vor der Segregation der Roma lange die Augen verschlossen“, klagt der Pater, nun sei es an der Zeit für einen Neubeginn zwischen der Bevölkerungsmehrheit und der Minderheit der Roma. „Papst Franziskus verkörpert den Brückenbau zwischen den Wohlhabenden und jenen, die Hilfe brauchen“, sagt Žatkulák.

Viele Slowaken bestreiten Diskriminierung von Roma

In der Slowakei selbst kam der Besuch des Papstes in der berüchtigten Siedlung nicht überall gut an. „Gibt es keinen würdigeren Ort als Luník?“, schrieb vor dem Besuch ein früherer slowakischer Parlamentspräsident in den sozialen Medien. Ondrej Ficeri von der Slowakischen Akademie der Wissenschaften sagt, viele Slowaken hätten „sich dafür geschämt, dass der Papst dieses stigmatisierte Viertel besucht“ habe. Hinter dieser Scham steckt nach Überzeugung Ficeris die irrige Überzeugung der meisten Slowaken, dass die Roma im Land, die fast zehn Prozent der 5,5 Millionen Einwohner der Slowakei stellen, nicht unter systemischer Diskriminierung litten, sondern ihr Los selbst bestimmen könnten.

Dabei ist in der Hauptstadt Bratislava der einst von plumper Stimmungsmache geprägte Ton gegenüber den Roma zuletzt etwas freundlicher geworden. Die liberale Präsidentin Zuzana Čaputová empfing Vertreter der Roma-Gemeinschaft auch schon im Präsidentenpalast, und die aktuelle konservativ-liberale Regierung nimmt zumindest das historische Gedenken an den Roma-Holocaust ernst. Das ändert aber nichts daran, dass nicht nur in Luník IX die Zustände so elendig sind wie an kaum einem Ort in Europa. Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 sind 87 Prozent der slowakischen Roma armutsgefährdet, während das in der Gesamtbevölkerung nur 13 Prozent sind.

Nach dem schon vorab viel diskutierten Auftritt des Papstes im Roma-Viertel gestaltet sich das für diesen Mittwoch vorgesehene Programm eher unspektakulär. Franziskus wird am Vormittag den Wallfahrtsort Šaštín im Westen der Slowakei besuchen und danach zurück nach Rom fliegen. Vor seiner Visite in dem Land war spekuliert worden, ob der Papst den von seinem Vorgänger Benedikt XVI. unter umstrittenen Umständen seines Amtes enthobenen Erzbischof Róbert Bezák rehabilitieren wird. Tatsächlich hat Franziskus diesen am Montag in Bratislava getroffen. Bezák sagte der Zeitung Denník N, der Papst habe ihm seinen Bischofsring zürückgegeben. Zugleich erklärte Bezák, welcher der liberalen Präsidentin Čaputová nahesteht und bei konservativen Katholiken schlecht gelitten ist, er wolle keine Diözese mehr übernehmen.

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