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Frankreichs Premierminister : Stadt, Fluss, Land

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Jean-Marc Ayrault und Martine Aubry bei einem Auftritt nahe Nantes Bild: ddp images/SALOM-GOMIS SEBASTIEN

Als Jean-Marc Ayrault vor 23 Jahren Bürgermeister von Nantes wurde, ging es der Kapitale des Départements Loire-Atlantique wie Frankreich heute: schlecht. Nun soll er als Premierminister die Dinge in Paris richten.

          Jean-Marc Ayrault hat es nicht eilig. Gleich soll der Hochgeschwindigkeitszug aus Paris mit der sozialistischen Parteichefin Martine Aubry eintreffen. Ein Händedruck für den Verkäufer am Zeitungsstand, dann schlendert der Premierminister weiter, verwickelt den Mann hinter der Theke mit belegten Baguettes und frischen Getränken in einen Plausch. „Bonjour, wie geht es denn heute?“ Ein älteres Ehepaar zieht Rollkoffer hinter sich her. „Wo soll die Reise hingehen?“, fragt Ayrault.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          In der Bahnhofshalle von Nantes bleibt er Bürgermeister, „Monsieur le Maire“, der nette Politiker von nebenan, der für alle in seiner Heimatstadt ein offenes Ohr hat. Dann aber stürzt ein Kamerateam auf ihn zu, ein zotteliges Mikrofon wird vor sein Gesicht gereckt, Jean-Marc Ayrault blinzelt und spricht ein paar beflissene Sätze. „Jetzt hat er sein Premierministergewand an“, sagt Brigitte Ayrault, eine elegante, schlanke Gestalt in einer farbenfrohen kurzärmeligen Seidenbluse, die aus sicherer Entfernung ihren Mann beobachtet. Ja, er freue sich sehr, dass Martine Aubry ihn in Nantes besuchen komme, sagt Ayrault, schließlich sei er stolz auf seine Heimatstadt, nein, es gebe keinen Konflikt zwischen ihm und der Parteivorsitzenden, die sich schon als Regierungschefin gesehen hatte.

          Es ist Wahlkampf

          Endlich ist er am Gleis angekommen, der Pulk aus Kameraleuten und Journalisten um ihn ist dicht geworden, da ist Martine Aubry, er umarmt sie, ein Küsschen auf die rechte Wange, ein Küsschen auf die linke Wange, Freundschaftsgesten für die Abendnachrichten. Schließlich ist Wahlkampf, auch wenn vielen Franzosen die Parlamentswahlen so kurz nach den Präsidentenwahlen mehr wie eine lästige Pflichtübung erscheinen. Für Jean-Marc Ayrault geht es am 10. und 17. Juni ums Ganze. Noch ist er nur Premierminister von Präsident Hollandes Gnaden, der ohne parlamentarischen Rückhalt regiert. Er braucht eine Mehrheit in der Nationalversammlung, deshalb umwirbt er jetzt die Wähler, zusammen mit Martine Aubry, die ihn kürzlich einen „Bescheuerten“ genannt haben soll. Die Wochenzeitung „Le Canard Enchaîné“ hat die Beschimpfung genüsslich vermeldet, und in Ayraults Stab sind nicht wenige, die sich vorstellen können, dass die Parteichefin wirklich so abfällig über den Premierminister gesprochen hat. Doch jetzt muss auch Martine Aubry den „Bescheuerten“ anlächeln, sie will schließlich den Wahlsieg.

          Im dunkelblauen Citroën-Großraumwagen nehmen sie dann Seite an Seite Platz und rauschen davon, über die Brücke über den Fluss Loire, durch Straßenzüge, zu denen Jean-Marc Ayrault Geschichten vom urbanen Wandel erzählten könnte. Denn der 63 Jahre alte Bürgermeister hat in den zurückliegenden 23 Jahren die graue Kapitale des Départements Loire-Atlantique in eine der dynamischsten französischen Großstädte mit einem Bevölkerungswachstum von 7,8 Prozent seit der Jahrtausendwende verwandelt.

          Nantes war in einer ähnlichen Verfassung wie Frankreich heute, als er an der Loire an die Macht kam. Die Leute blickten bang in die Zukunft, sie waren demoralisiert, weil sie sich den wirtschaftlichen Umbrüchen nicht gewachsen fühlten. Die letzte Werft hatte gerade geschlossen, als der Deutschlehrer 1989 ins Rathaus einzog. „Wir wussten, dass wir den Leuten eine andere Zukunft aufzeigen mussten. Wir hatten schon eine ziemlich genaue Vorstellung, was wir wollten. In Deutschland hatten wir uns Ideen geholt, besonders in Hamburg“, sagt der stellvertretende Bürgermeister Patrick Rimbert, der seit 23 Jahren an Ayraults Seite wirkt.

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