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Frankreichs Premierminister : Stadt, Fluss, Land

„Alles bleibt noch zu tun“

Dann steht der Premierminister vor dem Mikrofon und spricht von den großen Aufgaben, vor denen Frankreich steht. „Wir haben noch alles vor uns, alles bleibt noch zu tun“, sagt er. Den Kontakt zu den normalen Bürgern wolle er pflegen, verspricht er. Dann zählt er die Versprechen auf, die er unbedingt halten will. Wer 41 Jahre in die staatlichen Rentenkassen gezahlt hat, soll mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen können, das Dekret darüber sei schon fertig. Natürlich könne Frankreich sich nicht alles leisten, zu schlecht sei die Finanzlage. Das Land müsse wirtschaftlich wiederaufgerichtet werden, sagt er, das werde nicht leicht werden. „Aber wir werden es schaffen, Frankreich hat so viele Fähigkeiten, so viele Möglichkeiten“, schließt er, und wieder klatschen die Leute.

Jetzt gibt es etwas zu trinken, der Premierminister unterhält sich mit den Umstehenden, er umarmt ein paar alte Bekannte, ein älterer Herr überreicht ihm einen Umschlag, es ist wohl ein Bittbrief, zwei junge Mädchen reichen ihm schüchtern die Hand. Dann will Ayrault erklären, warum er in seiner Ansprache auch ausdrücklich von Europa gesprochen hat, von der Notwendigkeit einer europäischen Wachstumsinitiative, die Deutschland und Frankreich gemeinsam auf den Weg bringen müssten. Ayrault spricht jetzt in fließendem Deutsch zur deutschen Journalistin, die Leute um ihn herum schauen leicht verwundert. Jedes Land müsse seine Finanzen sanieren, an den Anstrengungen führe kein Weg vorbei, aber Europa müsse wieder Hoffnung auf ein besseres Leben verkörpern, es könne nicht nur als Sparzwang existieren. Die Projektbonds, gezielte Ausgabenprogramme für alternative Energien oder Infrastrukturprojekte, seien da der richtige Weg. Brigitte Ayrault zieht ihn sanft am Arm, er könne das ein anderes Mal weiter erklären, sagt sie lächelnd.

Busway, Busway, Busway

Ayraults Ehefrau ist auch eine frühere Lehrerin, sie kann jedoch kein Deutsch, erzählt sie heiter, aber sie kenne die Leidenschaft ihres Mannes für die deutsche Sprache und Kultur. „Da kann er stundenlang erzählen“, sagt sie. Als Student hat der Sohn einer Arbeiterfamilie ein Austauschsemester lang in Würzburg studiert, das war damals noch ungewöhnlich. Als Bürgermeister von Nantes reiste er jahrelang in die Partnerstadt Saarbrücken, als sozialistischer Fraktionsvorsitzender pflegte er Kontakte in Berlin. In sein Kabinett in Paris holte er sich Deutschland-Kenner - sein Kabinettsdirektor Christophe Chantepy hat eine Wohnung in Berlin, auch sein Sonderberater, der Germanist Jacques-Pierre Gougeon, verbrachte viel Zeit in Deutschland.

Schon geht es weiter, noch eine sozialistische Kandidatin zählt auf Hilfe des Premierministers. Sie wartet an der Endhaltestelle der neuen, auf einer eigenen Trasse fahrenden Schnellbuslinie „Busway“ unter schattenspendenden Bäumen zusammen mit zwei Dutzend Parteifreunden. „Busway“ ist nach dem gut ausgebauten Straßenbahnnetz und dem benutzerfreundlichen Fahrradverleih eine weitere Infrastrukturneuerung, die Ayrault dem Ballungsraum Nantes beschert hat. Der „Busway“ gilt der Sozialistin Sophie Errante in ihrem Wahlkreis als besseres Wahlargument als große nationale Versprechungen. Jean-Marc Ayrault ist das nur recht, ihm liegt die lokalpolitische Perspektive mehr als große, visionäre Reden.

Wenn er es tun muss, wie am Abend an der Seite von Martine Aubry, dann wird er vage, spricht mehr von Prinzipien als über das, was die Franzosen unter seiner Regierung erwartet. Und natürlich ist da die Einheit der Partei, die vorgeführt werden muss, erst in Nantes, am Donnerstagabend dann in Lille, der Stadt der Parteivorsitzenden. „Gemeinsam werden wir gewinnen“, verspricht Jean-Marc Ayrault. Martine Aubry ist da schon verschwunden.

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