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Frankreichs Premierminister : Stadt, Fluss, Land

Erfolgreicher Stadtplaner

Jetzt kann Jean-Marc Ayrault mit dem Selbstbewusstsein des erfolgreichen Stadtplaners durch die Stadt flanieren. Er bleibt dabei bescheiden, will alles als Ergebnis einer Gemeinschaftsaktion („alle haben mitgezogen“) verstanden wissen. Unweit des Bahnhofs hat im Gebäude der früheren Butterkeksfabrik LU ein „Lieu Unique“ („einzigartiger Ort“) genanntes Kulturzentrum mit Ausstellungsräumen, Restaurant, Café, Buchladen und orientalischem Dampfbad Platz gefunden. Auf der Loire-Insel „Île-de-Nantes“, wo einst Schiffe gebaut und in riesigen Hallen Kolonialwaren lagerten, erinnert nur noch ein knallgelber Werftkran an die frühere Bestimmung. Jetzt werden Einheimische wie Touristen durch von Jules Vernes inspirierte mechanische Riesentiere, genannt „Les Machines de l’Île“, oder dem „Bananenhangar“ getauften Vergnügungsort mit großer Ausstellungsfläche, Restaurants und Bars angelockt.

Auf der Insel liegt der von dem Stararchitekten Jean Nouvel konzipierte Justizpalast und am anderen Ufer das im April eingeweihte Denkmal, das an die Abschaffung der Sklaverei und an Nantes’ Vergangenheit als wichtigstem Sklaven-Umschlagplatz Frankreichs erinnert. Die Entwicklung von neuen Wirtschaftszweigen in Dienstleistung und Kultur, Ehrgeiz bei der nachhaltigen Entwicklung - Nantes wird 2013 europäische Umwelthauptstadt - sowie ein ehrlicher, aber nicht schuldbeladener Umgang mit der eigenen Geschichte, das sind die Merkmale der Metamorphose der Stadt. „Nantes ist vielleicht kein Modell für ganz Frankreich. Aber als Schaufenster urbanen Wandels, ja, da ist Nantes ein gutes Beispiel“, sagt Jean-Marc Ayrault, dessen Markenzeichen ein gewisses Understatement ist. Das Geld für die urbane Erneuerungskur kam aus öffentlichen Kassen und von privaten Investoren. Heute liegt der Schuldenstand von Nantes unter dem Durchschnitt der französischen Großstädte, pro Kopf sind die knapp 300.000 Einwohner mit 926 Euro verschuldet, Tendenz sinkend.

Raus aus Nantes

In seinem Wahlkreis in Nantes Saint-Herblain muss der geachtete Stadtvater nicht um die Wählergunst kämpfen. Weil ihm eine Mehrheit sicher scheint, konnte er ohne großes Risiko das Versprechen abgeben, im Falle einer Niederlage bei den Parlamentswahlen das Amt des Premierministers aufzugeben. Von allen Kabinettsmitgliedern verlangt er das Gleiche: Sollten sie kein Abgeordnetenmandat erringen, verlieren sie auch ihren Platz am Kabinettstisch. Ayrault nennt das Respekt vor dem Willen der Wähler. Überhaupt redet er viel von „Vorbildlichkeit“. „Wir haben immer Wert darauf gelegt, mit allen zusammenzuarbeiten, mit den Unternehmern, der Industrie- und Handelskammer, den Arbeitgebern wie mit den Gewerkschaften, den Vereinen und Verbänden. Eine gute Politik kann nur dauerhaft greifen, wenn alle mitziehen. Dieser Methode wollen wir treu bleiben“, sagt Patrick Rimbert, der Ayrault Ende Juni als Bürgermeister nachfolgen soll.

Nantes am Unterlauf der Loire Bilderstrecke

Der Wahlkämpfer Jean-Marc Ayrault bleibt nicht in Nantes, sondern fährt in die umliegenden Ortschaften Richtung Atlantikküste, wo viele Rentner ihren Ruhestand genießen. Saint-Pazanne ist eine Bastion Sarkozys gewesen, die jetzt, nach dem Rückzug des früheren Präsidenten aus der Politik, an die Sozialisten fallen könnte. „Kommen Sie auf ein Gläschen mit dem Premierminister!“ stand auf der Einladung der sozialistischen Kandidatin Monique Rabin. Das klang gut, und jetzt ist der halbe Ort auf den Beinen, wartet in der gleißenden Sonne auf dem Platz zwischen Rathaus und Kirchturm. Als Jean-Marc Ayrault aus seiner Großraumlimousine springt, der Anzug tadellos und faltenfrei, das weißmelierte Haar sauber gescheitelt, weiß seine Gastgeberin, die Kandidatin Rabin, plötzlich nicht mehr, wie sie den Regierungschef angemessen empfangen soll. „Bonjour Jean-Marc“, pardon, „guten Tag, Herr Premierminister“, sagt sie, sie könne das alles noch nicht fassen, den Wahlsieg und überhaupt, die Leute applaudieren.

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