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Sinkende Geburtenrate : Frankreichs Babyboom ist vorbei

Zwei französische Jungen sitzen in der Garderobe im Freizeitzentrum „Les Lutins“ in Versaille, Bild: AP

Jahrelang galt Frankreich mit seiner hohen Geburtenrate als europäisches Vorbildland für familienfreundliche Politik. Nun sinkt die Zahl der Neugeborenen erstmals seit Jahren. Die konservative Opposition hat schon einen Schuldigen ausgemacht.

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          Der Rückgang der französischen Geburtenrate um 2,75 Prozent hat am Mittwoch in Paris eine politische Debatte entfacht. Oppositionspolitiker Eric Ciotti (Les Républicains) hielt der Linksregierung vor, die massiven Kürzungen bei der Familienförderung seien schuld an den rückläufigen Zahlen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Natürlich ist der Geburtenrückgang auf Fehler der Linken zurückzuführen“, sagte Ciotti. In Frankreich wurden zwischen Januar und September 569.000 Kinder geboren.

          Im gleichen Zeitraum 2014 waren es noch 584.000 gewesen, 2012 sogar 589.000 Babys. Jetzt nähert sich Frankreich wieder dem Geburtenniveau vor dem „Babyboom“ zur Jahrtausendwende. 1999 lag die Zahl der Geburten zwischen Januar und September bei 559.900.

          Die Demographin Isabelle Robert-Bobée vom staatlichen Statistikinstitut INSEE warnte am Mittwoch vor einer vorschnellen Interpretation der Zahlen.

          Die Geburtenrate in Frankreich bleibe mit annähernd zwei Kindern pro Frau (1,99) auf einem stabil hohen Niveau. „Frankreich scheint eine Ausnahmeerscheinung in Europa zu bleiben: Es ist das einzige europäische Land, dass eine stabile und hohe Geburtenrate seit 2006 aufweist“, sagte die Demographin.

          Die rechtsbürgerliche Opposition hält Präsident François Hollande hingegen vor, mit unüberlegten Einschnitten bei der Familienförderung die positive demographische Entwicklung in Frankreich aufs Spiel gesetzt zu haben.

          Auch Hollandes Unvermögen, die Beschäftigungslage zu verbessern, trage zum sinkenden Kinderwunsch der Franzosen bei. Tatsächlich hat Hollande die Familienförderung stärker als alle seine Vorgänger gekürzt.

          Die Union der Familienverbände (Unaf) hat errechnen lassen, dass den Familien dieses Jahr 2,63 Milliarden Euro weniger als noch 2013 (vor den Reformen) an staatlicher Förderung zukommen.

          Seit Juli greift die Kürzung beim Kindergeld, das ohnehin nur an Familien mit mindestens zwei Kindern gezahlt wird. Familien mit einem monatlichen Gesamteinkommen von 6000 Euro erhalten nur noch die Hälfte des Kindergeldes.

          Bei Doppelverdienern, die zusammen auf mehr als 8000 Euro im Monat kommen, wird nur noch ein Viertel des vorherigen Kindergelds gezahlt. Es ist das erste Mal seit der Einführung des Kindergelds, dass dieses unter Einkommensvorbehalt gestellt wurde.

          Der sozialistische Premierminister Lionel Jospin hatte 1999 eine derartige Reform erwogen, aber dann entschieden, dass dies dem Leitgedanken der allgemeinen Förderung von Kindern widerspreche. Die Höhe des Kindergeldes ist in Frankreich deutlich niedriger als in Deutschland.

          Bei zwei Kindern beträgt das Kindergeld 129 Euros monatlich, bei drei Kindern 295 Euro. „Die Linksregierung hat systematisch einen der Pfeiler des französischen Familienmodells zerstört“, sagte der Unaf-Vorsitzende François Fondard.

          Aber auch bei der Lohnsteuer sind die Steuererleichterungen für Familien mit Kindern gleich zwei Mal hintereinander gedeckelt worden. Für Besserverdienende mit Kindern bedeutet das Steuererhöhungen bis zu 4000 Euro pro Jahr. Die Linksregierung hat zudem die Elternzeit für Mütter von 36 auf 18 Monate verkürzt.

          Vorgeblich handelt es sich hierbei um eine „Gleichstellungsmaßnahme“, denn Väter können fortan ebenfalls 18 Monate Elternzeit nehmen. Aber die aus der Kürzung der Mutter-Elternzeit gewonnenen Einnahmen sind schon fest im Haushalt vorgesehen.

          Bis 2019 werden durch die Reform der Elternzeit und den Kürzungen bei der Betreuungsförderung in den ersten drei Lebensjahren der Kinder laut Berechnungen des Verbands Unaf 820 Millionen Euro pro Jahr eingespart.

          Das Argument der Linksregierung, es handele sich um eine Umverteilung zugunsten einkommensschwacher Familien hält nach Berechnungen von Fachleuten einer Prüfung nicht stand. Das erklärt auch, warum der Front National und die Republikaner besonders heftig gegen die Familienpolitik der Sozialisten protestieren.

          Das staatliche Statistikinstitut schreibt in seinem jüngsten Bericht, „die Wirkung der Familienleistungen auf die Geburtenrate ist schwierig zu ermessen.“ Der Ökonom Mathieu Plane begründet in der Zeitung „Le Parisien“ am Mittwoch den Rückgang mit der ökonomischen Verunsicherung vieler Paare.

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