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Macron über Atomversuche : Frankreichs Schuld in Polynesien

„Wir hätten diese Versuche nicht in der Bretagne gemacht“: Emmanuel Macron gibt sich zum Abschluss seines Besuches in Französisch-Polynesien am Dienstag (Ortszeit) reumütig. Bild: AFP

Während eines Besuchs in Französisch-Polynesien kündigt Emmanuel Macron an, Opfer französischer Atomversuche besser zu entschädigen und Archive zu öffnen. Eine formelle Entschuldigung spricht der Präsident jedoch nicht aus.

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          Frankreich hat mit den Atomversuchen im Südsee-Atoll „eine Schuld gegenüber Polynesien“ auf sich geladen. Das sagte Präsident Emmanuel Macron am Mittwochmorgen (Ortszeit: Dienstag) zum Abschluss seines Staatsbesuches in Papeete, der Hauptstadt der zu Frankreich gehörenden Pazifik-Inseln. Die Opfer der Atomversuche, „die alles andere als sauber waren“, sollten künftig besser entschädigt werden, sagte Macron.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Schätzungsweise 110.000 Menschen sind von den Spätfolgen der Atomversuche betroffen. Frankreichs Präsident versprach, Forschern freien Zugang zu den Archiven zu gewähren. „Zu lange hat der Staat diese Vergangenheit verschwiegen“, sagte er in seiner Rede. „Ich will wie Sie auch Wahrheit und Transparenz“, sagte Macron. Er werde alle Archive freigeben, solange diese nicht vertrauliche Informationen enthielten, die zur Verbreitung von Atomwaffen führen könnten.

          Hohes Risiko von Schilddrüsenkrebs

          Macron sprach jedoch keine formelle Entschuldigung aus, wie es sich die Opferverbände erhofft hatten. Der Präsident betonte zudem, der Staat habe nicht bewusst gelogen. „Es gab keine Lügen, es wurden Risiken eingegangen, die nicht ermessen wurden, auch nicht von den Militärs“, sagte er. Macron gestand jedoch ein, dass auf die Bevölkerung im 15.000 Kilometer von Paris entfernten Inselatoll wenig Rücksicht genommen wurde. „Wir hätten diese Versuche nicht in der Creuse oder der Bretagne gemacht“, sagte er. 

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          Frankreich hatte im Februar 1960 seine erste Atombombe in der algerischen Wüste getestet. Nach der Unabhängigkeit des Landes wurden die Versuche auf den zu Französisch-Polynesien gehörenden Südsee-Atollen Mururoa und Fangataufa fortgesetzt. Zwischen 1966 und 1996 fanden dort 193 Atomversuche statt – mit verheerenden Folgen für die Umwelt und die Gesundheit der Bewohner.

          So ist die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen auf den Inseln um ein Dreifaches erhöht. Auch das Risiko von Blutkrebs liegt signifikant höher. Ein 2010 in Kraft getretenes Gesetz sieht die Anerkennung und Entschädigung der Opfer dieser Tests vor. In Französisch-Polynesien wächst aber die Kritik, weil nur so wenige Anträge bewilligt werden. Macron war während seines Staatsbesuches auch mit Protesten von Verbänden der Atomtestopfer konfrontiert worden. Er sagte ihnen, er habe ihre Forderung verstanden. Die Atolle von Mururoa und Fangataufa dienten als nukleare Experimentierbasis, ohne dass die Einheimischen gefragt wurden.

          De Gaulle hat Polynesiern lediglich gedankt

          Der damalige französische Präsident Charles de Gaulle hatte zwei Monate nach dem ersten Atomtest der Bevölkerung bei einer Reise auf die Inseln lediglich gedankt: „Es liegt mir am Herzen, Französisch-Polynesien zu sagen, wie sehr Frankreich den Dienst zu schätzen weiß, den Polynesien dem Mutterland erweist, indem es die Organisation beheimatet, die den Frieden für ganz Frankreich sichern soll. Ihre Zukunft hier, die kann großartig sein.“

          Doch bei 46 oberirdischen und 147 Versuchen unter Wasser in den Lagunenriffen entstanden schwere Umweltschäden. In Paris hingegen wurde das Mythos von „sauberen Atomtests“ über die Jahrzehnte aufrecht erhalten. Die Öffentlichkeit begann sich erst durch die Greenpeace-Aktion gegen die Atomtests für das Thema zu interessieren. Der damalige Präsident François Mitterrand ließ den französischen Geheimdienst 1985 das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“ im neuseeländischen Hafen Auckland sprengen.

          Doch die staatlich angeordnete Sabotage wurde publik, 1992 verkündete Mitterrand ein Atomtestmoratorium. Sein Nachfolger Jacques Chirac nahm die Atombombentests wieder auf, löste damit eine Proteststurm und einen Boykott französischer Produkte in Deutschland aus. 1996 beendete er die Atomtests. Kurz vor dem 50. Jahrestag des ersten Atomtests in Polynesien erkannte Präsident François Hollande im Jahr 2016 erstmals die gesundheitlichen Folgen an.

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