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2000 Jugendliche angetreten : Pflichtdienst für Frankreich

5000 freiwillige Jugendliche hätten sich auf die 2000 Plätze beworben, sagte Staatssekretär Gabriel Attal, der das Projekt verantwortet. Bild: AFP

Erste-Hilfe-Kurs, Notfallübungen und gemeinnützige Arbeit: Die vierwöchige Dienstpflicht für Jugendliche soll den Zusammenhalt der französischen Nation stärken. Der Dienst könnte gar zur Bedingung für die Abiturprüfung werden.

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          Strammstehen können sie schon: Am Montag sind in Frankreich 2000 Jugendliche zum neuen „Dienst an der Nation“ angetreten. Sie mussten ihre Mobiltelefone abgegeben und eine dunkelblaue Uniform mit zwei Kokarden auf der Brust überziehen. Zwei Wochen lang werden sie gemeinsam ausgebildet – Frankreich experimentiert mit einer Mischung aus Wehrdienst, Pfadfinderlager und Nachhilfe in Staatsbürgerkunde. Schon seit Ende 1997 müssen junge Franzosen nicht mehr zur Armee einrücken. Ein Stück nationaler Zusammenhalt sei damit verloren gegangen, hat Emmanuel Macron im Wahlkampf beklagt. Jetzt experimentiert der Präsident mit einer neuen Dienstpflicht, „service national universel“ (SNU), die schon bald für alle Jugendlichen im Alter von 15 bis 16 Jahren verpflichtend sein soll. Ursprünglich hatte Macron im Wahlkampf ein ganzes Dienstpflichtjahr versprochen. Doch aus Kostengründen soll die Dienstzeit zunächst auf einen Monat begrenzt bleiben.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Zwei Wochen verbringen die Jugendlichen – Mädchen und Jungen - in einer Gemeinschaftsunterkunft fernab ihres Heimatortes. Die andere Hälfte der Zeit sollen sie in einem gemeinnützigen Verein oder bei Polizei, Feuerwehr oder Armee an ihrem Wohnort dienen. In dreizehn Test-Départements  – eines in jeder der französischen Regionen – wurden Unterkünfte für die 2000 Freiwilligen organisiert. Unter ihnen sind Gymnasial- und Berufsschüler, Lehrlinge und Schulabbrecher, teilte das Bildungsministerium mit. 50 von ihnen haben Behinderungen. Sie übernachten in Jugendherbergen, Ferienheimen oder Internaten, die sich während der Testphase „SNU-Zentren“ nennen. Ihre Betreuer sind Sozialarbeiter, Erzieher und Offiziere. Jeweils zehn Jugendliche werden von einem Tutor betreut.

          Der Tagesablauf ist strikt geplant: Weckruf um sieben Uhr morgens, Fahnenappell um acht. „Dann wird die Marseillaise gesungen“, sagte Gabriel Attal, der 30 Jahre alte Staatssekretär, der das Projekt verantwortet. Das Programm für die zwei Wochen ist abwechslungsreich und umfasst einen Erste-Hilfe-Kurs und eine Einführung in die schriftliche Führerscheinprüfung ebenso wie Verhaltensregeln bei einem Terroranschlag. An einem Tag üben die Jugendlichen, wie sie sich im Katastrophenfall nützlich machen können. Geplant ist die Simulation einer Massenkarambolage auf der Autobahn oder eines Nuklearunfalls, kündigte Attal an. Die Freiwilligen sollen auch einen Kurs in Selbstverteidigung erhalten. In den zwei Wochen ist für jeden Teilnehmer ein kompletter Gesundheits-Checkup mit Seh- und Hörtests geplant.

          Handys dürfen nur eine Stunde am Tag genutzt werden

          In der Zeitung „Le Parisien“ äußerte Staatssekretär Attal sich erfreut über das große Interesse. „In den dreizehn Testdépartements erhielten wir annähernd 5000 Bewerbungen für die 2000 Plätze. Die Jugendlichen wollen sich nützlich machen“, sagte Attal. Der Staatssekretär, dessen politische Laufbahn in der Sozialistischen Partei begann, stört sich nicht am militärischen Charakter der Gemeinschaftsausbildung. Stolz erläuterte er, dass die Freiwilligen in den Ardennen wie „Kämpfer“ durch den Schlamm robben sollen. In Französisch-Guyana campen sie eine Nacht lang im Dschungel. Pfadfinderstimmung am Lagerfeuer ist durchaus erwünscht. „In jedem Testdépartement ist eine Erfahrung geplant, die militärischer Vorbereitung ähnlich ist“, sagte Attal. Jedoch sei ausgeschlossen, dass die Freiwilligen Waffen benutzten. Auf Selfies von ihren Abenteuern müssen die Jugendlichen verzichten. Der Gebrauch der Smartphones ist strikt reglementiert. Nur am Abend erhalten die Jugendlichen für eine Stunde ihre Mobiltelefone, um mit ihren Familien zu kommunizieren.

          Präsident Macron hat vier Ziele für den „Dienst an der Nation“ formuliert. So soll der nationale Zusammenhalt gestärkt werden, in dem sich die jungen Leute für das Wohl des Landes engagieren. Zudem soll die soziale und territoriale Durchmischung gefördert werden. Der Dienst an der Nation soll Orientierungshilfen für den weiteren Lebensweg der Jugendlichen bieten. Als viertes Ziel hat Macron genannt, dass die mit dem nationalen Dienst verbundenen Reisen zu einer besseren Landeskunde und Kenntnis der Kulturschätze beitragen.

          Ein wenig Spaß sollen die jungen Leute aber auch haben. So stand gleich zum Auftakt am Montagabend ein Weltmeisterschaftsspiel der Frauennationalmannschaft auf dem Pflichtprogramm. Die Freiwilligen sollen vor dem Bildschirm aber nicht nur die Fußballerinnen in Blau anfeuern. Wie Staatssekretär Attal erläuterte, schloß sich an die Übertragung eine Debatte über Gleichberechtigung von Mann und Frau an. Jeden Abend sollen die Jugendlichen über gesellschaftliche Fragen von Klimawandel über Tierschutz bis zur Diskriminierung sexueller Minderheiten diskutieren. Auch Ausflüge zu nahegelegene Kulturstätten, Sport und Begegnungen mit Franzosen, die sich für das Gemeinwohl engagieren, sind geplant. Den ersten Testlauf werten Forscher der nationalen Statistikbehörde Injeb aus.

          Die Kosten für den neuen Pflichtdienst schätzt Attal auf 2000 Euro pro Teilnehmer. Reise- und Verpflegungskosten werden komplett übernommen. Im nächsten Jahr sollen bereits 40.000 Jugendliche ihren Frankreich-Dienst absolvieren. Wenn dann ein ganzer Jahrgang von 800.000 Franzosen den Dienst antritt, könnte dies mit mindestens 1,6 Milliarden Euro für die Staatskasse zu Buche schlagen. Attal sagte, er hoffe dennoch, dass der verpflichtende Dienst schon vor 2026 eingeführt werde. Ausnahmen wie früher bei der Wehrpflicht soll es nicht geben. Die Regierung plant, die Teilnahme zur Bedingung für die Zulassung zur Abiturprüfung und zur Führerscheinprüfung zu machen. Das wirke besser als andere Sanktionen.

          Schon jetzt kritisieren die wichtigsten Studentenorganisation den „Dienst an der Nation“. „Wir teilen die Einschätzung der Regierung, dass es an sozialer Durchmischung mangelt“, sagte die Vorsitzende der Studentengewerkschaft Fage, Orlane Francois. „Aber die zwei Wochen Kasernenstimmung können nur die Nostalgiker der Wehrpflicht zufrieden stellen, nicht aber die Jugendlichen, die doch die Hauptbetroffenen sind“, sagte sie. Es werde sehr viel Geld für den neuen Dienst zur Verfügung gestellt, während die Universitäten unter ständigen Sparmaßnahmen zu leiden hätten.

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