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Frankreich : Widerspenstig und inkompetent

Nur fünf Tage nach ihrem Kaiserschnitt kehrte Rachida Dati ins Ministerium zurück - auf Stöckelschuhen Bild: REUTERS

Sie sind die Symbolfiguren des neuen Frankreichs, der Multikulti-Revolution à la Sarkozy. Mit Rama Yade, Rachida Dati und Fadela Amara hatte der Präsident zum ersten Mal drei Frauen der "sichtbaren Minderheiten" an den Kabinettstisch geholt. Doch Nicolas Sarkozy ist genervt. Seine Multikulti-Frauen im Kabinett machen ihm nur Ärger.

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          Sie sind die Symbolfiguren des neuen Frankreichs, der Multikulti-Revolution à la Sarkozy. Mit Rama Yade, Rachida Dati und Fadela Amara hatte der Präsident zum ersten Mal drei Frauen der „sichtbaren Minderheiten“ an den Kabinettstisch geholt. Alle waren begeistert, sogar die Linkspresse, die wie „Libération“ jubelte: „Erstmals spiegelt die Staatsspitze die Vielfalt der Gesellschaft wider.“ Eineinhalb Jahre später macht sich Ernüchterung breit. Der Präsident hadert mit seiner Personalauswahl, denn sein weibliches Dream Team hat sich für ihn zum Trio infernale entwickelt: beratungsresistent, widerspenstig und politisch schwindsüchtig. Doch wie wird ein Präsident Ikonen wieder los, die er selbst geschaffen hat? Seine Versuche, Rama Yade oder Rachida Dati für den Europawahlkampf wegzuloben, sind gescheitert. Frau Yade verkündete kaltschnäuzig, sie interessiere sich für die nationale Politik. Auch Frau Dati weigerte sich, ihren Ministersessel für einen Abgeordnetensitz in Straßburg zu räumen. Sarkozy weiß, dass ein brutaler Rauswurf ein Signal wäre, das in der Banlieue als Provokation verstanden würde. Deshalb zaudert er, schickt den Damen aber immer mehr Aufpasser zur Seite.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Als größtes Sorgenkind gilt im Elysée-Palast Rachida Dati. Die junge Mutter, die nur fünf Tage nach ihrem Kaiserschnitt auf hohen Absätzen wieder ins „Château“ trippelte, ist schon lange als schwierige Chefin aufgefallen. Im Justizministerium hat die 42 Jahre alte Tochter einer Algerierin und eines Marokkaners alle gegen sich aufgebracht: die Gewerkschaften, die Richter, die Staatsanwälte, die Anwälte, das Personal der Haftvollzugsanstalten und auch ihre engsten Mitarbeiter. Allein im ersten Jahr kündigten zwölf Spitzenbeamte, auch der von Sarkozy ausgewählte Büroleiter nahm den Hut. Seit sogar der Sohn des Elysée-Generalsekretärs Guéant, Sarkozys wichtigster Mitarbeiter, entnervt aufgab, glaubt selbst der Präsident nicht mehr an die Führungsfähigkeiten seiner Ministerin.

          Auf ihren schmalen Schultern lasten aber die massivsten Umwälzungen im französischen Justizsystem seit Kriegsende. Dafür brauchte es einen erfahrenen Juristen. Aber Rachida Dati zeigt gar nicht den Ehrgeiz, Fachkompetenz zu entwickeln. Sie hat sich darauf spezialisiert, wie ein Topmodell bei allen mondänen Anlässen in Paris zugegen zu sein. Selbst für einen Gefängnisbesuch ist sie angezogen, als liefe sie über den roten Teppich des Filmfestivals von Cannes. Bei Christian Dior verfügt Frau Dati über eine „permanente Garderobe“, ein Privileg, das ansonsten französischen Filmstars vorbehalten ist. Vor einiger Zeit räkelte sie sich im rosaroten Pantherkleid auf der Titelseite von „Paris Match“. Die „Barbie-Ministerin“ lautet seither ihr Spitzname. Inzwischen gilt sie weniger als Vorbild für besonders leistungswillige Einwandererkinder denn als Beispiel dafür, dass Macht verdirbt.

          Im Herzen der Macht angekommen konnte sich Rachida Dati glauben, als Cécilia Sarkozy sie im Wahlkampf 2007 zu ihrer besten Freundin auserkor. „Wir sind wie Schwestern“, sagte sie über Dati, die als zweites von zwölf Kindern in einer Sozialbauwohnung in Chalons-sur-Saône aufgewachsen war. Die Freundin wurde als einzige Ministerin ins amerikanische Sommerdomizil der Sarkozys eingeladen. In der Ehekrise durfte sie als go-between zwischen Nicolas und Cécilia vermitteln. Nach der Scheidung schien es eine Zeitlang, als solle Frau Dati die neue Favoritin Sarkozys sein. Cécilia ärgerte sich darüber so fürchterlich, dass sie jeglichen Kontakt mit ihrer „Schwester“ abbrach. Doch die Situation änderte sich, als Carla Bruni das Herz Sarkozys eroberte. Sie solle ihm bitte nicht mehr zu früher Morgenstunde SMS senden, ließ der Präsident seine Ministerin wissen. Carla Bruni stichelte bei einem Rundgang durch die Privatgemächer des Elyséepalastes vor dem Präsidentenbett: „Da hättest du gern gelegen, nicht wahr, Rachida?“

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