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Frankreich vor der Wahl : Wo Ségolène Pilze sammelte

Ségolène Royal besucht die Alstom-Wagonfabrik Chevènement Bild: REUTERS

Im Endspurt des Wahlkampfes um das Amt des französischen Präsidenten hat die sozialistische Kandidatin Royal noch einmal ihr Heimatdorf besucht. Dort präsentierte sie ihre schwere Kindheit. Von Michaela Wiegel.

          5 Min.

          Wimpel und blau-weiß-rote Flaggen schmücken das Rathaus. Auch Bürgermeister Gérard Pachot, 60 Jahre alt, hat sich eine Schärpe in den französischen Nationalfarben umgebunden. Hat Ségolène Royal nicht ihre Leidenschaft für die Symbole der französischen Nation bekundet? Monsieur le Maire schaut auf die Armbanduhr, er erzählt, wie er mit Ségolènes jüngerem Bruder Antoine den Plan ausgeheckt hat, die Präsidentschaftskandidatin in ihr Heimatdorf einzuladen. „Ich gehöre ja keiner Partei an, das gäbe sonst nur Streit. Aber auf eine Attraktion wie Ségolène Royal kann Chamagne stolz sein“, sagt der Bürgermeister.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Eine Limousine hält vor der Dorfschule gleich neben dem Rathaus. Die Dorfbewohner und andere Schaulustige werden von den Kamerateams abgedrängt, die zu Ségolène Royal stürzen. Die Sozialistin hat ihren ältesten Sohn Thomas mitgebracht, sie begrüßt ihren Bruder Antoine, den Bürgermeister und ihr früheres Kindermädchen, das inzwischen eine alte Dame ist.

          „Ich kenne mehr als hundert Pilzarten“

          Über die veraltete Lautsprecheranlage der 460-Seelen-Gemeinde dringen nur Wortfetzen der Präsidentschaftskandidatin in die Menge. Sie sei glücklich, „wieder in Kontakt mit meiner Geschichte, mit der ländlichen Identität Frankreichs zu treten“, sagt sie.

          Besuch in der ländlichen Heimat: „Hier habe ich alles gelernt”
          Besuch in der ländlichen Heimat: „Hier habe ich alles gelernt” : Bild: REUTERS

          „Hier habe ich alles gelernt, alle Farben, alle Gerüche, den Wechsel der Jahreszeiten.“ Sie erinnert sich öffentlich, wie sie in den Wäldern Pilze sammelte („ich kenne mehr als hundert Pilzarten“), wie sie mit ihren Geschwistern Mirabellen pflückte, aus denen der Großvater „gnône“, einen Likör, machte.

          „La France Présidente“

          Nicolas Sarkozy, ihr Konkurrent von der bürgerlichen Rechten, hat die „nationale Identität“ zum Hauptthema des Wahlkampfes erhoben. Ségolène Royal nimmt die Franzosen auf eine Reise zu den „Wurzeln“ ihrer Identität mit. Chamagne, das Dorf in Lothringen, ist dabei die dritte Station, nach Dakar in Senegal, wo die Offizierstochter geboren wurde, und Martinique, dem französischen Überseedépartement in der Karibik, wo sie die Grundschule besuchte. Schwarzafrika, Übersee und Lothringen: Ségolène Royal soll das Frankreich in seiner multikulturellen Vielfalt verkörpern, die ersehnte Einheit stiften, die ihr Wahlslogan „La France Présidente“ suggeriert.

          Zwei kleine Mädchen in bunten Sommerkleidern haben mit Filzstiften ein Bild gemalt: Ségolène Royal in einem blau-weiß-roten Kleid. Die Mädchen kichern aufgeregt, als sie die Zeichnung der Präsidentschaftskandidatin überreichen. Dann schreitet Ségolène Royal die Rue de Lorraine hinauf, hin zum Haus ihrer Kindheit und Jugend; die Fensterläden, von denen die Farbe bröckelt, sind geschlossen, die Scheibe der Lichtluke über der breiten Eingangstür zerbrochen, wilder Wein rankt an der Fassade hoch.

          Der Nachbar, der mit nacktem Oberkörper in der Sonne vor seiner Haustür sitzt, versichert, dass Ségolènes Vetter Dominique Royal, ein Berufsoffizier, das Haus weiter als Feriendomizil für seine Familie nutze. Ihren Vater hat er noch gekannt, der seine letzten Lebensjahre allein in dem schwer beheizbaren Anwesen verbrachte.

          „Wir waren eher Traditionalisten“

          Ségolène Royals Mutter, die, ohne zu klagen, die acht Kinder großzog, hatte es irgendwann nicht mehr ausgehalten mit ihrem gestrengen Mann. Damals studierte Ségolène gerade an der Universität in Nancy, etwa 40 Kilometer von Chamagne entfernt, ihre Mutter flüchtete zu ihr, eine prägende Erfahrung für die Studentin, die unverheiratet bleiben sollte. Ségolène Royal spricht häufig über „ihre schwere Kindheit“, die Gefühlskälte des Vaters, der seine Söhne mit militärischen Drill, die Töchter zu demütigen künftigen Ehefrauen erzog.

          „Unsere Erziehung war außerordentlich streng, aber auch das trägt zur Charakterbildung bei“, sagt Ségolène Royal vor dem Rathaus. Ihren Vater, den sie auf Unterhaltszahlungen verklagte, hat sie bis zu seinem Tod 1981 nicht mehr gesehen. Antoine Royal, ihr 15 Monate jüngerer Bruder, hat sich als einziger der acht Geschwister mit dem Vater versöhnt. „Erteile mir nie wieder einen Befehl“, will er ihm gesagt haben.

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