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Frankreich : „Vielehe eine Ursache für Unruhen“

Proteste in Paris: Gegen Notstand und Rassismus Bild: dpa/dpaweb

Ist die Duldung der Polygamie eine der Ursachen für den Gewaltausbruch in den französischen Vorstädten? Dieses bisherige Tabu-Thema beherrscht inzwischen die Debatte, nachdem die Krawalle in der Nacht zum Mittwoch weiter zurückgegangen sind.

          Ist die Duldung polygamer Haushalte eine der Ursachen für den Gewaltausbruch in den französischen Vorstädten? Diese Frage beherrscht inzwischen die Debatte, nachdem Brandstiftungen und Ausschreitungen in der Nacht zum Mittwoch weiter zurückgegangen sind.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Fraktionsvorsitzende der rechtsbürgerlichen Regierungspartei UMP, Bernard Accoyer, nannte die „Vielehe“ als einen Faktor, der die Unruhen begünstigt habe. In vielen schwarzafrikanischen Familien werde das gesetzliche Verbot der Polygamie mißachtet.

          „Entzug der individuellen Rechte“

          Accoyer sagte im Radiosender RTL am Mittwoch, die französischen Behörden hätten bislang einen mangelnden Willen an den Tag gelegt, gegen die Polygamie vorzugehen. „Dabei bedeutet die Polygamie den Entzug der individuellen Rechte und der Rechte der Frau“, sagte Accoyer. Die Folge seien Konflikte unter den Ehefrauen, beengte Wohnverhältnisse und schwerwiegende Erziehungsprobleme. Oftmals würden Kinder auf die Straße geschickt, weil in der Wohnung kein Platz für sie sei.

          Der UMP-Fraktionschef prangerte die „laxistische“ Politik der sozialistischen Regierung Jospin (1997-2002) an, die den Familiennachzug von Zweit- und Dritt-Ehefrauen nach Frankreich toleriert habe. Die Zahl der Aufenthaltsgenehmigungen auf Grundlage der Familienzusammenführung sei während Jospins Amtszeit verdoppelt worden.

          Accoyers Ausführungen gründen dabei offensichtlich auch auf übereinstimmende Polizeiberichte, wonach eine Mehrheit der Randalierer Minderjährige schwarzafrikanischer Abstammung waren.

          „Asoziales Verhalten“

          Präsident Chirac hatte in seiner Fernsehansprache schon schärfere Kontrollen bei der Familienzusammenführung sowie die Streichung von Kindergeldleistungen für Eltern angekündigt, die ihrer Aufsichtspflicht nicht gerecht werden. Arbeitsminister Gérard Larcher nannte ebenfalls das „asoziale Verhalten“ von Kindern aus polygamen Haushalten als eine Ursache der Ausschreitungen.

          Für die hohe Jugendarbeitslosigkeit unter diesen Heranwachsenden sei auch ihr auffälliges Verhalten und ihre schlechte Erziehung verantwortlich. „Beide Seiten müssen Anstrengungen unternehmen. Wenn sie ihre Arbeitsfähigkeit nicht verbessern, dann können sie auch kein Beschäftigungsverhältnis finden“, sagte der Arbeitsminister.

          Stillschweigend toleriert

          Die Debatte über die Polygamie war in Frankreich lange tabuisiert worden. Bis 1993 tolerierte der französische Staat, daß im Rahmen der Familienzusammenführung Einwanderer aus Schwarzafrika auch mehrere Ehefrauen nach Frankreich einreisen lassen konnten. Solvabilitätskontrollen wurden kaum durchgeführt; die Einhaltung des Polygamie-Verbots nicht überprüft.

          Die Sozialbehörden tolerierten stillschweigend die polygamen Haushalte, denen sie hohe Kindergeldzahlungen und andere Sozialleistungen zur Verfügung stellten. Auch die Sozialwohnungsgesellschaften denunzierten Familien nicht, die ganz offensichtlich aus einem Mann, mehreren Ehefrauen und einer großen Zahl von Kindern gebildet wurden.

          Zehntausende polygame Familien

          Die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF, die eine „Karte für kinderreiche Familien“ ausstellt, legte den Antragsformularen noch bis vor kurzem eine besondere Erläuterung für Frauen aus einer polygamen Ehe bei. Die Zahl polygamer Familien in Frankreich wird auf 30.000 geschätzt, die meisten dabei stammen aus Mali, Senegal, Gambia oder Mauritanien, wo die Vielehe nicht unter Strafe steht.

          Der gaullistische Innenminister Charles Pasqua ließ 1993 eine Gesetzesänderung verabschieden, wonach die Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen auf eine Ehefrau im Rahmen der Familienzusammenführung beschränkt wurde. Seit Ende 2001 stehen die Präfekten per Dienstanweisung in der Pflicht, die räumliche Trennung von Ehefrauen aus polygamen Haushalten „zu fördern“.

          „Kultureller“ Widerstand

          Im Mai 2004 beriet die Nationalversammlung zuletzt über schärfere Kontrollen. Die UMP-Berichterstatterin Chantal Brunel bewertete damals die Höhe des Sozialhilfemißbrauchs durch polygame Familien auf mindestens 300 Millionen Euro jährlich.

          Nach den Brandkatastrophen in heruntergekommenen Wohnhäusern in Paris in diesem Jahr blieb die Frage der Polygamie ausgeklammert. Dabei war es den Behörden klar, daß es sich bei den Brandopfern um Mitglieder polygamer Familien handelte. Gerade diese Familien finden nur schwer Wohnungen. Das Netzwerk „Agir avec elles“ („Mit ihnen handeln“), das eine Vielzahl von Vereinigungen zur Hilfe schwarzafrikanischer Frauen umfaßt, hat wiederholt auf die Schwierigkeiten hingewiesen, Zweit- oder Drittehefrauen mit ihren Kindern aus ihrer illegalen Verbindung zu lösen und umzusiedeln. Der Verein „Afrika Service Partner“ etwa gab bekannt, von 80 von ihren betrauten „umsiedlungswilligen“ Frauen hätten lediglich 13 diese Jahr ihre wohnliche Eigenständigkeit erreicht. Gründe seien der Mangel an Sozialwohnungen, aber auch der „kulturelle“ Widerstand, mit dem die Frauen konfrontiert seien.

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