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Frankreich und „DSK“ : Strukturwandel der Privatsphäre

Frankreich in Not: Hätten wir die Persönlichkeit Strauss-Kahns strenger prüfen sollen? Bild: Reuters

Der Fall Dominique Strauss-Kahn kratzt am Selbstverständnis einer Nation, die ihre Präsidenten lange Zeit nicht nach „sittlichen“ Kriterien auswählte. Die Frage der moralischen Integrität dürfte im beginnenden Wahlkampf in Frankreich eine große Rolle spielen.

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          Seit Präsident Félix Faure im Elysée-Palast tot in den Armen seiner Geliebten aufgefunden wurde, lässt sich Frankreich nicht leicht erschüttern. Das liegt jetzt mehr als ein Jahrhundert zurück - angeblich war 1899 ein zu stark dosiertes Aphrodisiakum Schuld am Tod im Präsidentenbett -, aber die Franzosen billigen ihrem politischen Führungspersonal weiterhin große Freiheiten in Fragen der Sittlichkeit zu. Ganz Paris spottete über die prüden Amerikaner, die im „Monicagate“ Präsident Clinton das Leben schwer machten. Doch der Fall Dominique Strauss-Kahn kratzt am Selbstverständnis einer Nation, die sich lange zugute gehalten hatte, ihre Präsidenten nicht nach „sittlichen“ Kriterien auszuwählen. Hätten wir die Persönlichkeit Strauss-Kahns strenger prüfen sollen, fragt die Presse. Die Debatte ist losgebrochen, ob Frankreich mehr Sittenwächter, zumindest aber eine neue Transparenz über die Irrungen des Herzens seiner Politiker brauche.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Frage der moralischen Integrität dürfte im beginnenden Wahlkampf eine Rolle spielen wie nie zuvor. Schon lässt Nicolas Sarkozy durchblicken, dass aus seiner Sicht die Sozialisten die Schlacht um der „Werte“ verloren hätten. Dabei unterschlägt der Präsident, der seinen Ministern „Schweigen über DSK“ anordnete, wie neu seine Rolle als fürsorglicher Familienvater ist.

          Das Personal gebärdete sich, als sei Paris eine stürmische Beziehungskiste

          Denn der vergangene Wahlkampf wäre womöglich anders verlaufen, hätten die Wähler rechtzeitig erfahren, wie es um die zwei Hauptkandidaten privat wirklich stand. Nicolas Sarkozy durchlebte just in den Monaten vor seiner Wahl ein Beziehungsdelirium mit seiner damaligen Frau Cécilia. Erst als die Scheidung schon besiegelt war, dämmerte Frankreich, wie der Präsidentschaftskandidat um seine Angetraute gefleht und gebettelt hatte, wie sie sich quälte mit ihrem verlängerten Ehefraudasein und es nicht einmal fertig brachte, einen Wahlzettel zu seinen Gunsten in die Urne zu stecken. Ähnlich verheerend sah es zu Hause bei Sarkozys sozialistischer Rivalin Ségolène Royal aus, die sich mit dem sozialistischen Parteivorsitzenden François Hollande als „Traumpaar“ porträtieren ließ. Dabei ruhte Hollande im Wahlkampf schon in anderen Armen. Ségolène Royal als Mutter seiner vier Kinder rächte sich spät, als sie nach verlorener Wahl verkündete, dass sie ihn vor die Tür gesetzt habe. Die Berichterstatter, die die privaten Niederungen der Präsidentschaftskandidaten sehr wohl kannten, schwiegen, als der Wahlausgang noch zu beeinflussen war.

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