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Trauer um Chirac : „Er war der letzte große Präsident, den wir hatten“

Menschen schreiben sich im Elysée-Palast in Paris in die Kondolenzbücher für Jacques Chirac ein Bild: AFP

Jacques Chirac ist für viele Franzosen mehr als ein bedeutender Präsident: Er wird als einziger verbliebener Repräsentant einer großen Vergangenheit verehrt.

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          Seine schönste Erinnerung an Jacques Chirac? „Die Fußballweltmeisterschaft 1998“, sagt Ramdane ohne zu Zögern. Der 41 Jahre alte Franzose ist wie Hunderte seiner Landsleute am Freitagmorgen zum Elysée-Palast gepilgert, um sich in eines der Kondolenzbücher einzutragen, die im Vestibül unter einem Chirac-Porträt ausliegen. An dem Mast, der das Palais überragt, hängt die französische Trikolore auf Halbmast. Zwölf Jahre lang, von 1995 bis 2007, wohnte das Ehepaar Chirac hinter den hohen Mauern der Hausnummer 55, Faubourg Saint-Honoré.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Ich liebte das Leben im Elysée, die Blumen, das Porzellan, den Austausch mit dem Dienstpersonal, die Staatsbankette, es war mein Zuhause“, konterte Bernadette Chirac einmal die Klage einer ihrer Nachfolgerinnen, sie fühle sich im Elysée wie in einem vergoldeten Gefängnis. Als Ehrerbietung an die Familie Chirac will Emmanuel Macron seine Geste verstanden wissen, erstmals nach dem Tod eines Präsidenten den Palast für alle trauernden Bürger zu öffnen.

          Chirac prägte eine ganze Generation

          „Wir Franzosen haben einen Staatsmann verloren, den wir genauso liebten, wie er uns liebte“, sagte der Präsident in seiner Fernsehansprache an die Nation am Donnerstagabend. Als Macron im Dezember 1977 geboren wurde, hatte Chirac gerade das Rathaus von Paris erobert. Er gehört zur „Generation Chirac“, die als Wahlbürger zunächst nichts anderes kannten als den jovialen Charmeur, der sich 2002 in den Retter Frankreichs vor dem rechtsextremen Polterer Jean-Marie Le Pen wandelte.

          „Klar gehöre ich zur Generation Chirac“, sagt auch Ramdane, dessen Eltern aus Marokko einwanderten. „Blanc black beur war nicht nur ein Spruch! Frankreich fühlte sich unter Chirac wirklich wie ein tolles Team aus Weißen, Schwarzen und Arabischstämmigen an“, blickt Ramdane zurück. Ein Team, das bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 den Titel holte.Heute stehe es nicht gut um den Zusammenhalt, das habe er auch aufgeschrieben: „Präsident Chirac, wache darüber, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen.“

          Man konnte noch Hummer servieren

          Jeanne, eine elegante Frau im beigen Trenchcoat schwärmt „von der Energie, dem Lebenshunger“ des verstorbenen Präsidenten. Die 70 Jahre alte Französin klingt wehmütig: „Er war der letzte große Präsident, den wir hatten.“ Frankreich sei damals noch Frankreich gewesen, heute müssten Minister zurücktreten, weil sie ihren Gästen edle Weine und Hummer auf einem Silbertablett servierten. „Wo ist unser Lebensart nur geblieben?“, fragt Jeanne.

          Für Antoine, 36 Jahre, ist Chirac „der Friedenspräsident“. „Er hat die Wehrpflicht abgeschafft und Nein zum Irak-Krieg gesagt. Dafür bin ich ihm ewig dankbar“, sagt er. Die Einträge in die Kondolenzbücher dokumentieren, wie facettenreich das politische Erbe Chiracs ist. In die Welle der Sympathie mischt sich ein nostalgischer Blick auf die eigene Vergangenheit.

          Zweifel am „großen Europäer“

          Chirac war der erste Präsident nach der deutschen Wiedervereinigung und der letzte, der den Franzosen den Eindruck vermittelte, sie vor den Anpassungszwängen der Globalisierung bewahren zu können. „Die Hymnen auf den großen Europäer Chirac sind mir suspekt“, sagte der Abgeordnete Jean-Louis Bourlanges (Modem). „Das Scheitern des europäischen Verfassungsvertrages im Referendum war seine größte politische Niederlage“, schreibt der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem Nachruf in „Le Figaro“.

          Chirac hat mit drei Regierungschefs, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel zusammengearbeitet. Nach dem Tod François Mitterrands im Januar 1996 hatte Bundeskanzler Kohl in der Kathedrale Notre Dame der Totenmesse beigewohnt. Doch dem Trauergottesdienst für Chirac am Montagmittag in der Kirche Saint Sulpice bleibt Bundeskanzlerin Merkel wohl fern. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werde Deutschland vertreten, heißt es. Bereits an diesem Sonntag können die Franzosen am Invalidendom am Sarg Chiracs von ihm Abschied nehmen.

          Er las heimlich Bücher auf Sanskrit

          Chirac hat sich wie seine Vorgänger ein architektonisches Denkmal in der Hauptstadt gesetzt, das Museum Quai Branly am Seine-Ufer. Besucher des Museums, das inzwischen den Namen Jacques Chirac trägt, müssen in den nächsten Tagen keine Eintrittsgelder zahlen. Der Präsident hatte sich seinerzeit mit der gesamten Louvre-Leitung angelegt, um seine Idee von einem modernen Austellungsraum für außereuropäische Zivilisationen durchzusetzen.

          Für den früheren Ministerpräsidenten Benins, den Wahlfranzosen Lionel Zinsou, stellt die Aufwertung außereuropäischer Kulturen die größte Errungenschaft Chiracs dar. „Er hat mit dem Geist der europäischen Überlegenheit gebrochen“, sagte Zinsou. Seine Bewunderung für ferne Kulturen behielt Chirac lange für sich. So werden die Franzosen ihn als volksnahen Präsidenten in Erinnerung behalten, der Buchklappen von Krimis benutzte, um ungestört Texte in Sanskrit und Abhandlungen über den Sumo-Kampf und asiatische Kunst zu lesen.

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