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Frankreich : Tausche Quebec gegen Haiti

Das französische Interesse an einem der ärmsten Länder der Erde entspringt wohl zumindest am Rande dem Pariser Versuch, sich im geographischen Vorhof der Vereinigten Staaten provozierend als internationale Macht darzustellen.

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          Die französische Regierung bemüht sich weiterhin um eine aktive Rolle bei der Befriedung Haitis. So versucht Außenminister de Villepin, die übrigen an einer Beendigung des Bürgerkriegs interessierten Länder wie die Vereinigten Staaten, Kanada und die Vereinigung der karibischen Staaten (Caricom) mit der Forderung nach der möglichst raschen Entsendung einer internationalen Friedenstruppe unter Handlungszwang zu setzen. Anders als seine Partner hat Frankreich auch schon früh einen Amtsverzicht von Präsident Aristide verlangt.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Das französische Interesse an einem der ärmsten, mit einer Arbeitslosenquote von 70 Prozent gänzlich heruntergewirtschafteten Länder der Erde entspringt wohl zumindest am Rande dem Pariser Versuch, sich im geographischen Vorhof der Vereinigten Staaten provozierend als internationale Macht darzustellen. Daneben unterhält Paris seit langem besondere Kontakte zu Haiti, da die Geschichte der beiden Staaten, wenn auch auf eher unselige Weise, eng miteinander verbunden ist.

          Der Westen Hispaniolas

          Die Insel Hispaniola, deren westliches Drittel die heutige Republik Haiti bildet, wurde im Jahre 1492 von Christoph Kolumbus entdeckt und befand sich anschließend lange Zeit in spanischem Besitz. In dieser Zeit wurde die ursprünglich indianische Bevölkerung der Insel ausgerottet und mit der Verschleppung afrikanischer Sklaven in die Karibik begonnen. Nach dem Verfall der spanischen Macht begannen sich Frankreich und Großbritannien um die vorherrschende Stellung in Nordamerika und der Karibik zu streiten. Im Jahre 1697 einigten sich die beiden Staaten im Frieden von Ryswijk auf eine Aufteilung ihrer Interessen. Frankreich gab seine Besitzungen in Kanada, die im wesentlichen die heutige französischsprachige Provinz Quebec umfaßten, an die Engländer ab und nahm dafür den westlichen Teil der Insel Hispaniola, die heutige Republik Haiti, in Besitz.

          Aus französischer Sicht war in der Karibik zur damaligen Zeit wirtschaftlich mehr zu gewinnen als im kalten Kanada. So legten französische Siedler auf der Insel vor allem Zucker- und Kaffeeplantagen an, die von den aus Afrika importierten Sklaven bewirtschaftet wurden. Aus jener Zeit stammt noch heute der für Haiti - das Wort bedeutet in der Sprache der indianischen Ureinwohner vom Volk der Arawak "hügeliges Land" - typische landwirtschaftliche Großgrundbesitz. Die Wurzeln des noch heute die Insel prägenden Feudalismus reichen bis in der Zeit der Kolonialherrschaft zurück.

          Paris lehnt Wiedergutmachung ab

          Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen sich die Sklaven gegen die französische Herrschaft zu erheben. Das nach der Revolution von 1789 innerlich zerrissene und vorübergehend geschwächte Mutterland war nur wenige Jahre lang in der Lage, den Aufstand niederzuhalten. Im Jahre 1804 wurde in der Hauptstadt Port-au-Prince die Republik Haiti ausgerufen. Die Staatsgründung gilt noch heute als die erfolgreichste Selbstbefreiung von Sklaven in der Weltgeschichte. Frankreich hinterließ, was ehemalige Kolonialmächte üblicherweise jungen Nachfolgestaaten vererben: die Sprache und, zumindest in der Oberschicht, ein Verständnis für die Kultur der ehemaligen europäischen Herrscher - und im Falle Haitis auch das katholische Christentum. Französisch ist noch heute eine von zwei Amtssprachen des Landes, auch wenn seine Bedeutung allmählich zurückgeht.

          Eine bedeutsame politische Rolle hat Frankreich seitdem nur noch selten auf Haiti gespielt. Die ehemalige Kolonialmacht unterstützte die Republik zwar immer wieder mit Krediten und half auch in der Landwirtschaft und im Erziehungswesen. Doch war auch Frankreich unfähig, den Niedergang eines Landes aufzuhalten, das in seiner Geschichte von 33 Umstürzen erschüttert wurde. Mit der Karibik verbinden viele Franzosen daher seit langem vorwiegend die ihnen gehörenden Inseln Martinique und Guadeloupe, weniger aber Haiti. Um die Freundschaft zwischen den beiden Ländern zu vertiefen, wurde eine Kommission unter Leitung des Schriftstellers Regis Debray eingesetzt.

          Pünktlich zum 200. Jahrestag hat die Republik Haiti dennoch Frankreich eine Rechnung ausgestellt. Als Ausgleich für die Ausbeutung der Sklaven während der fernen Kolonialzeit fordert Haiti einschließlich Zins und Zinseszins eine Wiedergutmachung von 21 Milliarden Euro. Auch wenn Frankreich seine Bereitschaft äußert, bei einem friedlichen Wiederaufbau des geschundenen Landes eine Rolle zu spielen, so lehnt Paris eine Wiedergutmachung kategorisch ab.

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