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Vergeltung für Giftgaseinsatz : Frankreich: Syrische Chemiewaffen „zu einem großen Teil“ zerstört

  • Aktualisiert am

Rauch am Himmel von Damaskus. Das Foto wurde von der syrischen Nachrichtenagentur Sana verbreitet und soll die syrische Hauptstadt nach dem Militärschlag in der Nacht zeigen. Bild: dpa

Gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien haben die Vereinigten Staaten Militär- und Forschungseinrichtungen in Syrien angegriffen. Laut Pentagon handelt es sich um einen einmaligen Schlag.

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          Nach dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz in Syrien haben die Vereinigten Staaten ihre Drohungen wahr gemacht und gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien mehrere Ziele in Damaskus und Umgebung angegriffen. Nach Angaben des amerikanischen Verteidigungsministeriums waren die Militärschläge gegen drei Ziele gerichtet. Es habe sich um eine begrenzte Aktion gehandelt und es sei kein zusätzlicher Schlag geplant, erklärte Verteidigungsminister James Mattis in der Nacht zu Samstag im Pentagon. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte zuvor am Freitagabend (Ortszeit) den Beginn der Militärschläge in einer Rede an die Nation verkündet. 

          Die Angriffe seien eine Vergeltung für den Einsatz chemischer Waffen durch die syrische Regierung unter Baschar al Assad gegen das eigene Volk. „Dies sind nicht die Taten eines Menschen“, sagte Trump. „Es sind die Verbrechen eines Monsters.“ Die amerikanischen Streitkräfte würden „Präzisionsschläge“ gegen Ziele vornehmen, die mit den Chemiewaffen von Machthaber Baschar al Assad in Zusammenhang stünden. Nach Angaben der französischen Regierung sind die syrischen Chemiewaffenarsenale „zu einem großen Teil“ zerstört worden. Das gab Außenminister Jean-Yves Le Drian am Samstagvormittag in Paris bekannt.

          „Die von Frankreich und seinen Alliierten zusammengetragenen Elemente stellen ein ausreichendes Bündel an Beweisen dar, um die Verantwortung für die Chemieattacken vom 7. April dem syrischen Regime zuzuschreiben“, heißt es in einer Analyse, die das französische Außenministerium am Samstag veröffentlichte. In dem Dokument heißt es auch, dass bislang keine Proben vom Ort des mutmaßlichen Angriffs von Labors untersucht worden seien. Die französischen Geheimdienste hätten Zeugenaussagen und öffentlich verbreitete Fotos und Videos analysiert.

          In Damaskus waren am frühen Samstagmorgen starke Explosionen zu hören. Getroffen worden seien ein Forschungszentrum für Chemiewaffen in der Hauptstadt Damaskus sowie ein Lager und ein Kommandoposten für diese Art von Waffen nahe Homs, sagte der amerikanische Generalstabschef Joseph Dunford. Der General wies darauf hin, dass die Ziele so ausgewählt worden seien, dass die russischen Streitkräfte nicht getroffen wurden. Bei dem Angriff habe es keine Koordination mit Russland gegeben, so Dunford. Syriens Regierung hat den Angriff auf das Land als „offenen Verstoß“ gegen internationales Recht „aufs Schärfste“ kritisiert.

          Laute Explosionen erschüttern Syriens Hauptstadt Damaskus, als die Vereinigten Staaten in der Nacht zum Samstag einen Luftangriff starten.
          Laute Explosionen erschüttern Syriens Hauptstadt Damaskus, als die Vereinigten Staaten in der Nacht zum Samstag einen Luftangriff starten. : Bild: AP

          Nach offiziellen Angaben von Syriens Regierung sind mindestens drei Zivilisten verletzt worden. Die Opfer habe es bei der Bombardierung in der Region Homs gegeben, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana am Samstag. Aus syrischen Armeekreisen hieß es, bei dem Angriff auf ein Waffendepot in Homs im Zentrum des Landes seien sechs Soldaten verletzt worden. Nach Angaben von Sana gab es zudem Schäden in einer Forschungseinrichtung in dem Ort Barsah nördlich der Hauptstadt Damaskus. Dort sei ein Gebäude zerstört worden. Die syrische Luftabwehr habe  die „amerikanisch-britisch-französische Aggression“ bekämpft und 13 Raketen abgefangen.

          Bild: DPA/ Quelle: Pentagon/ Bearbeitung: FAZ.NET

          Militärschlag mit Ansage

          Trump hatte Syriens Verbündeten Russland zuvor unverhohlen mit dem Angriff gedroht. „Wir sind darauf vorbereitet, diese Antwort fortzusetzen, bis die syrische Regierung ihren Einsatz verbotener chemischer Waffen beendet.“ An Russland und den Iran gerichtet, fragte Trump: „Was für eine Art Nation würde im Zusammenhang stehen wollen mit dem Massenmord an unschuldigen Männern, Frauen und Kindern?“ Die Vereinigten Staaten suchten jedoch keine dauerhafte Präsenz eigener Bodentruppen in Syrien, sagte Trump. Man freue sich darauf, wenn die Soldaten heimkehrten. Die Vereinigten Staaten blieben für die Region ein „Partner und ein Freund“, aber das Schicksal der Region liege in der Hand der Völker vor Ort.

          Die britische Premierministerin Theresa May hat den
          Angriff auf die syrische Regierung als alternativlos bezeichnet. Es habe „keine gangbare Alternative zum Einsatz der Streitkräfte gegeben“, um das syrische Regime vom Einsatz der Chemiewaffen abzuschrecken, sagte sie am Samstag, als sie mitteilte, dass Großbritannien an den Angriffen mit amerikanischen und französischen Streitkräften beteiligt sei. Die militärische Antwort sei ein „begrenzter und gezielter Schlag“.

          Er werde ein deutliches Signal an jeden senden, der glaube, er könne chemische Waffen straflos nutzen. „Wir können nicht zulassen, dass der Einsatz von Chemiewaffen normal wird – in Syrien, auf den Straßen in Großbritannien oder irgendwo anders in unserer Welt“, sagte sie. Es gehe nicht darum, in einen Bürgerkrieg einzugreifen, fügte sie hinzu. Es gehe auch nicht um einen Regimewechsel.

          Syrische Armee seit Tagen in Alarmbereitschaft

          Die syrische Armee ist schon seit Tagen in voller Alarmbereitschaft und hatte sich am Mittwoch von weiteren Stützpunkten zurückgezogen. Am Dienstag verließ die Armee einige Militärbasen, um einer möglicherweise bevorstehenden Attacke der Vereinigten Staaten und seiner Verbündeten Frankreich und Großbritannien weniger Angriffsfläche zu bieten.

          Begonnen hatte die Eskalation mit einem mutmaßlichen Giftgasangriff auf die letzte damals noch von Rebellen kontrollierte Stadt Douma in der Region Ost-Ghouta am 7. April. Dabei sollen der Hilfsorganisation Weißhelme zufolge mindestens 42 Menschen getötet worden sein. Mehr als 500 Personen wurden demnach in Krankenhäusern behandelt.

          Die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) entsandte Experten für eine Untersuchung nach Douma. Sie wollen von Samstag an untersuchen, ob dort tatsächlich Chemiewaffen eingesetzt wurden. Ihr Auftrag lautet jedoch nicht, die Verantwortlichen zu ermitteln.

          Russland spricht von inszenierter Provokation

          Russland hatte den Vorfall als inszenierte Provokation Großbritanniens eingestuft. „Wir haben Beweise, dass Großbritannien an der Organisation dieser Provokation in Ost-Ghouta direkt beteiligt ist“, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow.

          Unterstützer der syrischen Assad-Führung demonstrieren am Samstagmorgen in Damaskus – inklusive einer russischen und iranischen Fahne neben der syrischen.
          Unterstützer der syrischen Assad-Führung demonstrieren am Samstagmorgen in Damaskus – inklusive einer russischen und iranischen Fahne neben der syrischen. : Bild: dpa

          Die britische UN-Botschafterin Karen Pierce bezeichnete den russischen Vorwurf als „grotesk“, „bizarr“ und „offenkundige Lüge“. „Es ist die schlimmste Fakenews, die wir bisher von der russischen Propagandamaschine gesehen haben.“ Moskau ist im Bürgerkrieg ein enger Verbündeter der syrischen Regierung.

          Nicht der erste Militärschlag gegen Syrien

          Es ist nicht das erste Mal, dass die Vereinigten Staaten und Präsident Trump die Assad-Regierung direkt angreifen. Das amerikanische Militär hatte vor einem Jahr die syrische Luftwaffenbasis Schairat beschossen – als Reaktion auf den Giftgasangriff mit Dutzenden Toten auf die Stadt Chan Scheichun, für den UN-Experten die Regierung von Assad verantwortlich machten. Das Eingreifen der Vereinigten Staaten galt aber weitgehend als symbolisch.

          Der syrischen Regierung wurde in den vergangenen Jahren immer wieder der Einsatz von Chemiewaffen vorgeworfen. Der schwerste Angriff fand 2013 in Ost-Ghouta statt: Etwa 1400 Menschen wurden getötet, darunter viele Kinder.

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