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Libyen-Affäre : Frankreich streitet über Aufgaben der Präsidentengattin

Madame Sarkozy schweigt bisher zu allen Vorwürfen Bild: dpa

Die Ehefrau des französischen Präsidenten beschäftigt das politische Paris. Die Sozialistische Partei will nun Cécilia Sarkozy im geplanten Untersuchungsausschuss zur Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern anhören.

          Die Ehefrau des französischen Staatspräsidenten beschäftigt das politische Paris. Die Sozialistische Partei forderte am Dienstag, Cécilia Sarkozy neben dem Generalsekretär des Elysée-Palastes, Claude Guéant, im geplanten Untersuchungsausschuss zur Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern anzuhören.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Beide hatten sich Ende Juli in Tripolis um die Freilassung bemüht – mit Erfolg. Die sozialistische Opposition will nicht nur klären, ob Frankreich Gegenleistungen wie den Bau eines Kernkraftwerks und einer Entsalzungsanlage, die Ausrüstung eines Krankenhauses sowie die Besiegelung von Rüstungsgeschäften gewährt hat, sondern auch die Rolle von Frau Sarkozy ausleuchten.

          Politikerfrauen spielen heute eine andere Rolle

          „Wenn man hinter das Geheimnis dieser Art von Diplomatie kommen will, das vor aller Welt versteckt wird, wenn man also die demokratische Rolle des Parlaments ausüben will, dann muss man Frau Sarkozy und Herrn Guéant befragen“, sagte der sozialistische Abgeordnete Jean Glavany im Radio.

          Cécilia Sarkozy hatte sich in Tripolis um die Freilassung der Bulgarinnen bemüht

          Die Opposition meint das teilweise fragwürdige Verhalten der Präsidentengattin als politische Achillesferse von Nicolas Sarkozy entdeckt zu haben. Der sozialistische Abgeordnete Pierre Moscovici forderte sie in einem Interview mit der Zeitung „Libération“ auf, vor dem Parlament Rechenschaft abzulegen, wenn sie in einer öffentlichen Angelegenheit tätig sei. „Cécilia Sarkozy spielt eine wichtige Rolle im Umfeld ihres Mannes in öffentlichen Missionen. Sie ist also eine öffentliche Persönlichkeit ersten Ranges“, sagte Moscovici. Glavany fügte hinzu, die Befragung von Außenminister Kouchner Anfang August im Senat habe gezeigt, wie wenig dieser in die Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern eingebunden gewesen sei.

          Sarkozy und Premierminister François Fillon haben einem Untersuchungsausschuss zugestimmt. Cécilia Sarkozy soll davon aber nicht belastet werden. Der für den öffentlichen Dienst zuständige Staatssekretär André Santini wies am Dienstag darauf hin, dass Politikerfrauen heute eine ganz andere Rolle spielten „als Tante Yvonne“, die Frau de Gaulles, oder Claude Pompidou. Wie alle Sozialisten lebe Moscovici im vergangenen Jahrhundert.

          Zu allen Vorwürfen schweigt Madame Sarkozy

          Solch lakonische Bemerkungen werden die Aufmerksamkeit auf die unberechenbare Präsidentengattin kaum verringern. „Sie ist, wo man sie nicht erwartet, und sie ist nicht da, wo man sie erwartet“, zitiert „Libération“ am Dienstag einen Mitarbeiter im Elysée-Palast. Die jüngste Überraschung war, dass Cécilia Sarkozy am vergangenen Samstag nicht an der Seite ihres Mannes die Familie Bush in Kennebunkport aufsuchte. Sie habe eine Angina, berichtete Nicolas Sarkozy. Freilich sahen französische Journalisten Cécilia Sarkozy am Tag zuvor und am Tag danach beim Bummeln an ihrem Urlaubsort in New Hampshire.

          Jetzt wird auch daran erinnert, dass sie Anfang Juli nach einem kritischen Bericht der Satirezeitschrift „Canard enchaîné“ eine Kreditkarte zurückgab, die sie in Verdacht brachte, private Ausgaben mit Steuergeldern bezahlt zu haben. Dies rief umso mehr Aufmerksamkeit hervor, als ihre Vorliebe für Luxus bekannt ist. Eine ihrer engsten Vertrauten ist die Kommunikationschefin des Modehauses Prada, Mathilde Agostinelli. Deren Mann könnte nach Vermutungen der französischen Presse die amerikanische Ferienresidenz der Sarkozys bezahlt haben, die 22.000 Euro in der Woche kostet.

          Die „ersten hundert Tage“ von Cécilia Sarkozy begannen damit, dass sie am 6. Mai im zweiten Wahlgang des Präsidentschaftswahlkampfs keine Stimme abgab. Bei Auftritten an der Seite ihres Mannes wirkte sie mal abgelenkt bis uninteressiert, mal engagiert und herzlich. Beim G-7-Gipfel in Heiligendamm schwänzte sie das Damenprogramm, weil ihre Tochter Geburtstag feierte. Zu allen Vorwürfen schweigt Madame Sarkozy bisher. Und genau das werfen ihr ihre Gegner am meisten vor.

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