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Flüchtlinge in Paris : Polizei räumt eines der wilden Camps

Flüchtlinge stehen nach der Evakuierung des wilden Camps auf der Straße am Porte de la Chapelle im Nordosten von Paris. Bild: AFP

Im Nordosten von Paris campieren Tausende Migranten. Die Krätze hat sich ausgebreitet, Frauen klagen über Belästigungen. Jetzt hat die Polizei es geräumt – doch die Diskussionen gehen weiter.

          Knapp 2800 obdachlose Migranten sind am Freitagmorgen nach einer polizeilichen Räumungsaktion im Nordosten von Paris in Übergangsunterkünfte und Hotels gebracht worden. Die sozialistische Bürgermeisterin der französischen Hauptstadt, Anne Hidalgo, mischte sich in gelber Rettungsweste unter die überwiegend aus Afghanistan, dem Sudan und Eritrea stammenden Migranten, als diese unter Polizeiaufsicht die Reisebusse bestiegen. Mehr als 350 Polizisten waren mobilisiert worden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Bürgermeisterin Hidalgo liegt im Dauerstreit mit der Regierung, der sie Handlungsunwillen in der Migrantenfrage vorhält. Gegen den Willen des damaligen Premierministers Manuel Valls ließ sie – inzwischen mit staatlicher Unterstützung – ein Aufnahmezentrum an der Porte de la Chapelle einrichten. Doch die Anlaufstelle ist heillos überlastet, Hunderte warten täglich vergeblich auf Einlass. Die Migranten, von denen laut Hilfsorganisationen viele aus Deutschland zugereist sind, übernachten auf Matratzen in den Eingängen von Wohnhäusern und auf den Grünflächen in dem Viertel, das schon vorher von einem hohen Einwanderer-Anteil geprägt war.

          Wöchentlich kommen 200 Menschen in die Hauptstadt

          Die Migranten leben unter primitivsten sanitären Bedingungen, ohne Zugang zu Wasch- und Toiletteneinrichtungen. Viele sind krank, die Krätze ist weit verbreitet. Die Räumung des wilden Lagers war bereits der 34. Räumungseinsatz der Polizei im Nordosten von Paris seit Juni 2015. Zuletzt waren im Mai 1600 Migranten aus dem vorangegangenen wilden Lager an der Porte de la Chapelle gebracht worden.

          Seit der Schließung des „Dschungels“ in Calais an der Kanalküste konzentrieren sich die Einwandererströme auf Paris. Der Zuzug von Migranten in die Hauptstadt reißt nicht ab. Der Direktor der Flüchtlingsorganisation France terre d’asile, Pierre Henry, sagte am Freitag, wöchentlich seien 200 Menschen neu zugereist und hätten ein Obdach gesucht. Er bezeichnete die Räumung des wilden Lagers als „absurd“ und forderte von der Regierung einen Plan zur Aufnahme von Migranten und Flüchtlingen und ihrer Integration.

          Hat sich eine neue Form der Segregation gebildet?

          In dem Wohnviertel nahe der Porte de la Chapelle ist die Stimmung unter den Einheimischen inzwischen gereizt. In einer Mitte Mai veröffentlichten Internetpetition machten Frauen darauf aufmerksam, dass sie in den Straßenzügen um die Rue Pajol und die Metrostation La Chapelle immer häufiger Belästigungen auf der Straße ausgesetzt seien.

          Täglich würden sie „wie eine aussterbende Spezies“ angestarrt, manchmal beschimpft, oftmals auch körperlich belästigt. Sie verlangten einen größeren Einsatz von Sicherheitskräften, um in dem Viertel wieder gleiche Rechte für Frauen und Männer zu garantieren. Mehr als 20.000 Personen unterzeichneten die Petition.

          Die Regionalrats-Präsidentin Valérie Pécresse kritisierte, dass sich mitten in Paris eine neue Form von „Segregation“ entwickelt habe. Der Arrondissement-Bürgermeister Eric Lejoindre hat in Pressegesprächen „Sicherheitsprobleme“ eingestanden, die allerdings nicht nur Frauen betreffen würden. Die neue Staatssekretärin für Frauenrechte, Marlène Schiappa, spazierte im Juni durch das Viertel und sagte, ihr sei nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Feministinnen kritisierten, die Frauendiskriminierung sei künstlich aufgebauscht worden und sei von fremdenfeindlichen Motiven geleitet. Die Debatte über die Petition geht unterdessen weiter.

          Paris ist seit der Räumung des Flüchtlingslagers in Calais das größte Transitzentrum für Migranten in Frankreich geworden. Innenminister Philippe Colomb will in einigen Tagen Maßnahmen gegen illegale Einwanderung und zur Verbesserung des Asylrechts vorstellen. Beim EU-Gipfel im Juni in Brüssel hatte Präsident Emmanuel Macron das französische Asylsystem als „unmenschlich“ kritisiert.

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