https://www.faz.net/-gpf-14vwu

Frankreich : Sarkozy: Stoisch, kämpferisch und volksnah

Nicolas Sarkozy in der Talkrunde Bild: AFP

Ein Fernsehabend mit Nicolas Sarkozy als Hauptdarsteller: Frankreich jammert, der Präsident hört zu und spendet Trost, Millionen Franzosen schauen zu. Mit ungebrochenem kämpferischem Geist stemmt sich der Staatspräsident gegen Wirtschaftskrise und Vertrauensverlust.

          2 Min.

          Frankreich jammert, und der Präsident hört zu und spendet Trost. So lautete das Szenario für den Fernsehabend im Privatsender TF1 mit Nicolas Sarkozy als Hauptdarsteller, den mehr als 8,6 Millionen Franzosen verfolgten. Die Sendung zeugt vom ungebrochenen kämpferischen Geist des Präsidenten, der sich der Wirtschaftskrise und dem Vertrauensverlust (nur noch 42 Prozent der Franzosen sind mit ihm zufrieden) mit neuen Kommunikationsformen entgegen stemmen will.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Lage wird nicht mehr schön geredet. Der Präsident hat elf „Durchschnittsfranzosen“ ins Fernsehstudio bitten lassen. Milchbäuerin Sophie, Krankenschwester Martine, Lehrer Samir oder Rentner Jean-Georges dürfen ihren harten Alltag in Zeiten der Wirtschaftskrise und des Reformzwanges schildern. Sie dürfen sogar unverfroren und zornig sein, wie Nathalie, 26 Jahre alt, die nach fünf Jahren Studium und Lehre keine Anstellung findet. Auf 25,5 Prozent ist die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich angestiegen. Sarkozy beklagt das, dann besänftigt er Nathalie: „Ich verspreche Ihnen, in ein paar Wochen oder Monaten wird die Zahl der Arbeitslosen sinken.“

          Jimmy, der eine Speditionsfirma leitet, sieht sein Unternehmen durch die von Sarkozy geplante Klimaabgabe bedroht. „Wir sind die letzte Generation, die etwas ausrichten kann, um den Planeten zu retten, und Frankreich muss ein Vorbild dabei sein“, sagt der Präsident. Er wirkt so kontrolliert ruhig, dass es schon fast unheimlich ist. Er erträgt mit stoischem Gesichtsausdruck die wütenden Töne des Gewerkschafters Pierre, der die hohe Bezahlung von französischen Topmanagern als Unverschämtheit empfindet. Der Präsident ist jetzt volksnah, er versteckt sich nicht hinter den hohen Mauern des Elysée-Palastes, er hockt am schmalen Studio-Cafétisch, ohne Sicherheitsabstand.

          Vom Haushaltsdefizit spricht er nicht

          Dass der neue Chef des staatlichen Elektrizitätsriesen EDF, Henri Proglio, jetzt auch noch mit Präsidentensegen 1,6 Millionen Euro Jahresgehalt zugestanden bekommt und im Aufsichtsrat des privaten Energieversorgers Veolia bleiben darf, empfindet Gewerkschafter Pierre als Zumutung für die einfachen Arbeiter. Sarkozy aber rechnet gelassen vor, dass Proglio, der das zweitgrößte französische Unternehmen leite, in der Rangliste der höchsten Gehälter nur auf Platz 23 komme. Für einen außergewöhnlichen Unternehmensboss müsse auch der Staat ein außergewöhnliches Gehalt zu zahlen bereit sein, so die Botschaft des Präsidenten.

          Was ihn viel mehr schockiere, sagt der Präsident, seien die hohen Gagen von Fußballern und anderen Sportlern oder die Millionenbeträge für Banker und Wertpapierhändler. Die Tirade gegen die Banken gefällt ihm, er verlangt mehr Regulierung und weniger Bonuszahlungen, als übe er schon für die Eröffnungsrede, die er an diesem Mittwoch beim Weltwirtschaftsforum in Davos hält. Vom Haushaltsdefizit, das unter seiner Führung derart angestiegen ist, dass er am Donnertag eine große „Defizitkonferenz“ im Elysée-Palast einberufen hat, spricht er nicht.

          Sein Reformdrang indes ist ungebrochen. Im Austausch mit Rentner Jean-Georges bereitet er auf die Rentenreform vor, die noch 2010 beschlossen werden soll. Er sei für alle Vorschläge offen. Man könne das Renteneinstiegsalter erhöhen oder die Beitragszeiten verlängern, nur Rentenkürzungen seien mit ihm nicht zu machen. Jean-Georges nickt erleichtert. Aber Sarkozy will noch mehr, er wirbt für eine gesetzliche Pflegeversicherung, um den neuen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft gerecht zu werden.

          Sein Schlussstatement widmet er der Frage, die zumindest die Première Dame Carla Bruni („Wenn es nach mir geht, ist nach einem Mandat Schluss“) bewegt. Wird Sarkozy 2012 wieder antreten? „Die Franzosen müssen meine Ergebnisse beurteilen. Ich habe einen Vertrag über fünf Jahre, dann sieht man, ob's aus ist oder weiter geht“, sagte Sarkozy.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.