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Frankreich : Royal Favoritin in Urwahl der Sozialisten

  • Aktualisiert am

Schafft sie die Nominierung im ersten Wahlgang? Bild: AFP

Als erste französische Partei bestimmen die Sozialisten ihren Kandidaten für das Präsidentenamt in einer Urwahl. Oder die Kandidatin. Denn laut Umfragen führt die 53 Jahre alte Ségolène Royal.

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          In Frankreich geht die 53 Jahre alte Politikerin Ségolène Royal als Favoritin in die Urwahl, in der die Sozialistische Partei ihren Kandidaten für die Präsidentenwahl im Frühjahr 2007 bestimmt. Die frühere Umweltministerin könnte gleich in der ersten Wahlrunde die absolute Mehrheit erringen oder erst in einer Stichwahl in einer Woche zur Kandidatin gekürt werden.

          In Umfragen führte Frau Royal zuletzt mit gut 25 Prozentpunkten vor dem früheren Finanzminister Dominique Strauss-Kahn. Der ehemalige Ministerpräsident Laurent Fabius, der sich im linken Flügel der Partei positioniert hat, liegt weit abgeschlagen. Ein Ergebnis wird es voraussichtlich am Freitag morgen geben.

          Urwahl statt Tradition

          Ségolène Royal wäre Frankreichs erste Präsidentin. Allerdings haben Meinungsforscher davor gewarnt, die Ergebnisse der Umfragen falsch zu interpretieren, sie basierten durchweg auf Befragungen von Sympathisanten der Sozialisten, nicht aber von Parteimitgliedern.

          Dominique Strauss-Kahn hofft auf eine Stichwahl
          Dominique Strauss-Kahn hofft auf eine Stichwahl : Bild: AFP

          Die etwa 219.000 Sozialisten können von 16 bis 22 Uhr bei der in der französischen Politik bislang einmaligen Urwahl abstimmen. Traditionell wurden Kandidaten stets von einflußreichen Partei-Vertretern hinter verschlossenen Türen ausgewählt.

          Frau Royal wurde in Umfragen zuletzt immer wieder als diejenige Vertreterin ihrer Partei genannt, der als einziger bei einer Stichwahl um das Präsidentenamt im Mai ein Sieg gegen den wahrscheinlichen Kandidaten der Konservativen Innenminister Nicolas Sarkozy zugetraut wird. Eine aktuelle Umfrage der Wochenzeitschrift „Le Point“ sieht sie indes gleichauf mit Sarkozy.

          „Die Politik muß sich verändern“

          Frau Royal präsentierte sich in den vergangenen Wochen als die Kandidatin, die in der Lage ist, das politische System Frankreichs aufzubrechen. „Die Politik muß sich verändern, die Art, wie Macht ausgeübt wird, muß sich verändern“, sagte sie am Mittwoch abend in Nantes vor Anhängern. Trotz ihrer langjährigen politischen Erfahrung gilt sie als „frisches Gesicht“ und als Politikerin, die bereit ist, den Menschen zuzuhören. Dies kam bei vielen Franzosen anscheinend gut an. Ihre Kritiker werfen Frau Royal vor, inhaltlich vage zu bleiben.

          Strauss-Kahn setzt darauf, daß es zu einer Stichwahl kommt und rechnet in diesem Fall mit einem Sieg. „Was ich euch allen versprechen kann, ist, daß wenn es zu einer zweiten Runde kommt, ich sie gewinnen werde“, sagte er vor Journalisten.

          Wer auch immer als Sieger aus der Urwahl hervorgeht: Er oder sie steht vor der Aufgabe, Frankreichs Sozialisten zu einen. Noch immer haben sie die herbe Niederlage bei der Präsidentenwahl 2002 nicht verwunden. Damals schied ihr Bewerber Lionel Jospin bereits in der ersten Runde aus. Er verlor gegen Amtsinhaber Jacques Chirac und auch gegen den Bewerber der Rechten, Jean-Marie Le Pen.

          Ségolène Royal

          Die 1953 in Dakar im Senegal geborene Ségolène Royal wuchs mit sieben Geschwistern in einem konservativen Elternhaus im Osten Frankreichs auf. Gegen den Willen des strengen Vaters ging sie zum Politikstudium nach Paris und absolvierte später die Eliteschule Ena, an der sie Francois Hollande kennenlernte, der ihr Lebenspartner wurde. Hollande machte ebenfalls bei den Sozialisten Karriere, heute ist er Parteivorsitzender. Das Paar hat vier gemeinsame Kinder.

          Frau Royal hatte unter verschiedenen sozialistischen Regierungen ministerielle Aufgaben in den Ressorts Umwelt, Familie und Schule, trat aber nicht größer in Erscheinung. Der Durchbruch gelang ihr, als sie 2004 gegen den damaligen konservativen Ministerpräsidenten Jean-Pierre Raffarin in dessen Wahlkreis im Westen Frankreichs bei den Kommunalwahlen siegte.

          Dominique Strauss-Kahn

          Strauss-Kahn, der in Frankreich von vielen schlicht „DSK“ genannt wird, wurde 1949 als Sohn eines Rechts- und Finanzberaters geboren. Die ersten zehn Lebensjahre verbrachte er in Marokko und Monaco. Später studierte er in Paris und erwarb mehrere Abschlüsse in Wirtschaft, Recht und Politik. Vor und während seiner politischen Karriere arbeitete er als Wirtschaftsprofessor.

          Erstmals für die Sozialisten ins Parlament gewählt wurde Strauss-Kahn 1986. Er gilt als Architekt der französischen Wirtschaftserholung: In seiner Zeit als Finanzminister von 1997 bis 1999 gelang es ihm, das Defizit im Zaum zu halten. Damit machte er Frankreich fit für den Euro. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone erlebte in seiner Amtszeit Wachstum, die Arbeitslosigkeit ging zurück. Strauss-Kahn führte auch die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ein. Seine Politik stieß allerdings in den eigenen Reihen manchmal auch auf geteiltes Echo, etwa bei der Privatisierung von Staatsunternehmen wie France Telecom.

          Sein Sprachtalent hat Strauss-Kahn im Ausland zu Ansehen verholfen. In Frankreich weckte seine Heirat mit der Fernsehjournalistin Anne Sinclair die Aufmerksamkeit der Boulevard-Medien. Aus zwei vorangegangenen Ehen hat er insgesamt vier Kinder. Er bezeichnet sich als „Sozialdemokrat“ und sieht sich als Kandidat der Mitte.

          Laurent Fabius

          Fabius wurde im Jahr 1946 als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Antiquars in Paris geboren. Er absolvierte die Eliteschule Ena und trat der Parti Socialiste 1972 bei. Bereits zwölf Jahre später wurde er im Alter von 37 Jahren Ministerpräsident.

          Im Amt trat er für eine neue Form des französischen Sozialismus ein und sprach sich offen für Ausgabenkürzungen aus - damit verabschiedete sich Fabius von einem Dogma der Partei zugunsten eines harten Sparkurses. Fabius war zudem ab 2000 für zwei Jahre Finanzminister. Für die Bewerbung um die Kandidatur für das Präsidentenamt warf er als erster Sozialist bereits Anfang des Jahres seinen Hut in den Ring. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

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