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Frankreich : Reue, Bekenntnisse, Versprechen

Jean-Marc Ayrault spricht Deutsch und will den Kontakt nach Berlin verbessern Bild: Reuters

Frankreichs Präsident Sarkozy hat wieder einmal Besserung gelobt für den Fall, dass er die Wahl gewinnen sollte. Die Sozialisten werben derweil um die Gunst Angela Merkels.

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          Die Piloten der französischen Flugbereitschaft wissen schon, wohin ihre erste Reise mit dem Sieger der französischen Präsidentenwahlen geht: nach Berlin. Nach dem Sozialisten François Hollande hat jetzt Nicolas Sarkozy bekundet, im Falle seiner Wahl am 6. Mai als Erstes der Bundeskanzlerin seine Aufwartung machen zu wollen. Schon 2007 war Sarkozy noch am Tag seiner Amtseinführung in die deutsche Hauptstadt gereist, eine der wenigen Entscheidungen zu Beginn seiner Amtszeit, die ihn heute nicht reuen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das sagte Sarkozy in einem zweieinhalbstündigen Gespräch im staatlichen Fernsehsender France 2, das von Fehlereingeständnissen geprägt war. Sollten die Franzosen ihm ein weiteres Mal das Vertrauen schenken, werde er seinen Sieg nicht im „Fouquet’s“ feiern, dem Treffpunkt der Reichen und Schönen an den Champs-Elysées: „Diesmal habe ich eine Familie, eine solide Familie“, sagte Sarkozy. Er drückte auch sein Bedauern darüber aus, einem rüpelhaften Landsmann bei der Landwirtschaftsmesse in Paris ein „Verpiss dich, armseliger Blödmann!“ zugerufen zu haben. „Ich kann nicht behaupten, dass ich alles richtig gemacht habe“, sagte Sarkozy. Ausgenommen von jeglichen Mea-culpa-Äußerungen blieb das Verhältnis zu Angela Merkel, eine funktionierende Zusammenarbeit, die der Präsident gerne fortsetzen würde.

          Keine Blockadenpolitik

          Aber auch Sarkozys sozialistischer Herausforderer wirbt immer offener um ein ungetrübtes deutsch-französisches Verhältnis, das trotz eines Machtwechsels in Paris funktionsfähig bleibt. An der Forderung nach „Neuverhandlungen“ am europäischen Fiskalpakt soll eine Zusammenarbeit nicht scheitern. „Wir streben keine Politik der Blockade an“, sagte der sozialistische Fraktionsvorsitzende Jean-Marc Ayrault am Mittwoch im Gespräch mit dieser Zeitung. Eine „Politik des leeren Stuhls“ wie zu Zeiten de Gaulles werde es unter einem sozialistischen Präsidenten nicht geben, sagte Ayrault.

          Der frühere Deutschlehrer, der seit 15 Jahren die sozialistische Fraktion in der Nationalversammlung leitet, wird als einer der möglichen Premierminister im Falle eines Machtwechsels gehandelt. Ayrault spricht fließend Deutsch und sieht es als seine Mission, den Kontakt nach Berlin zu verbessern. Angesichts der Meldung über einen möglichen „Boykott“ des sozialistischen Präsidentschaftsanwärters durch mit Sarkozy befreundete europäische Regierungschefs rät er zu „Gelassenheit“. Sollte Hollande die Wahl im Mai gewinnen, werde er in allen europäischen Hauptstädten empfangen werden.

          „Persönliche Rechtfertigungssendung“

          Ayrault hob hervor, dass Hollande das Vertrauensverhältnis zu Berlin auf der Grundlage geordneter Staatsfinanzen aufbauen wolle. Zu den 60 „Engagements“ Hollandes zählt, bis zum Ende des Präsidentenmandats 2017 einen ausgeglichenen Haushalt erreicht zu haben. 2013 soll das Haushaltsdefizit auf die im Maastrichter Vertrag vorgesehene Drei-Prozent-Grenze gesenkt werden. Aus Ayraults Sicht ist das für einen französischen Sozialisten ein beachtliches Bekenntnis zu Haushaltsdisziplin. Ähnlich argumentiert Hollandes Wirtschaftsberater Michel Sapin, der federführend am Präsidentschaftsprogramm schrieb. Geplant sei, den auf Haushaltsdisziplin ausgerichteten europäischen Fiskalpakt durch eine „Wachstumsinitiative“ zu ergänzen.

          Sarkozy gelobt Besserung

          Während Sarkozy in allen jüngsten Umfragen zur Wahl hinter Hollande liegt, hat der Präsident den Sozialisten bei den Zuschauerzahlen für seinen Fernsehauftritt geschlagen. 5,6 Millionen Franzosen verfolgten die Sendung „Les paroles et les actes“ mit Sarkozy; im Januar waren es bei Hollande 5,5 Millionen gewesen. Hollande kritisierte Sarkozys Auftritt am Mittwoch im Radiosender Europe 1 als „persönliche Rechtfertigungssendung“. Der Präsident habe wieder einmal sein Privatleben ausgebreitet. „Die Franzosen wollen, dass man von ihnen spricht und nicht nur über denjenigen, der ihr nächster Präsident sein will“, sagte Hollande.

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