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Antisemitismus in Frankreich : „Wir müssen die Wurzeln des islamistischen Terrors bekämpfen“

Die Tür zur Wohnung der ermordeten Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll in Paris Bild: Reuters

In Paris wird eine Frau ermordet, wahrscheinlich weil sie Jüdin ist. Der Fall reiht sich in eine schreckliche Serie antisemitisch motivierter Taten ein.

          3 Min.

          Eine 85 Jahre alte Witwe ist vergangenen Freitag mitten in Paris in ihrer Wohnung ermordet worden – vermutlich weil sie Jüdin war. Die französische Staatsanwaltschaft hat am Dienstag gegen zwei junge Männer mit nordafrikanischen Wurzeln ein Strafverfahren wegen vorsätzlicher Tötung mit antisemitischem Hintergrund eröffnet. Das Schicksal der betagten Mireille Knoll bewegt ganz Frankreich. An diesem Mittwoch organisiert der Dachverband der jüdischen Organisationen Crif einen Schweigemarsch in Paris.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Mireille Knoll war als Kind nur knapp der Deportation entkommen. Das neun Jahre alte jüdische Mädchen befand sich im Juli 1942 in Paris und wäre nach den Worten ihrer Kinder beinahe Opfer der „Razzia vom Wintervelodrom“ geworden. Mehr als 13.000 Juden, darunter viele Frauen und Kinder, wurden bei der Großrazzia am 16. und 17. Juli 1942 in Paris festgenommen. Ein Großteil von ihnen wurde anschließend in Vernichtungslager deportiert.

          Präsident Emmanuel Macron äußerte in der Nacht zu Dienstag in einer Twitternachricht sein Entsetzen über „das schreckliche Verbrechen“ und bekundete seine „absolute Entschlossenheit im Kampf gegen den Antisemitismus“. Innenminister Gérard Collomb versprach, „wir werden alle notwendigen Mittel einsetzen, damit die Motive der Täter der barbarischen Tat erhellt werden“.

          Teil einer schrecklichen Serie

          Die mit Messerstichen übersäte Leiche der Rentnerin war am Freitagabend gefunden worden. Die mutmaßlichen Täter hatten in der Wohnung an verschiedenen Stellen Feuer entzündet, vermutlich um ihr Opfer unkenntlich zu machen. Das Verbrechen erinnere „an die dunkelsten Stunden unserer Geschichte“, schrieb der Innenminister in einem Kommuniqué. Wer Juden angreife, der greife Frankreich und die Werte der Nation an.

          Bereits am Samstag wurde einer der mutmaßlichen Täter in Polizeigewahrsam genommen. Es handelt sich um einen 27 Jahre alten Mann, der in einer benachbarten Sozialwohnung in der bescheidenen Mietskaserne im 11. Arrondissement von Paris groß geworden ist. Mireille K. kannte ihren mutmaßlichen Peiniger demnach seit vielen Jahren. Nach den Worten des Crif-Vorsitzenden Francis Kalifat, der mit Knolls Kindern gesprochen hat, ging der Mann bei Mireille K. ein und aus. Er habe nicht ignorieren können, dass seine Nachbarin Jüdin gewesen sei.

          Sie lebte seit dem Tod ihres Mannes, einem Holocaust-Überlebenden, mit einer Krankenpflegerin und deren Tochter in der Wohnung. Die betagte Frau war kränklich und konnte sich nur schwer allein fortbewegen. Kalifat steht das Entsetzen über den mutmaßlich antisemitisch motivierten Mord ins Gesicht geschrieben. Der Crif-Vorsitzende hat ausländische Korrespondenten zu einem Austausch über den Antisemitismus in Frankreich in sein Büro in Paris eingeladen und nicht geahnt, dass er einen neuen Mordfall kommentieren müsste.

          Denn der Fall Mireille K. reiht sich inzwischen in eine schreckliche Serie ein, die mit dem Foltertod des jungen Ilan Halimi im Januar 2006 durch eine Banlieue-Bande, die „Gang des Barbares“, begann. Es folgten die Terrorangriffe auf die jüdische Schule in Toulouse im März 2012 und die Geiselnahme im jüdischen Supermarkt HyperCacher im Januar 2015 in Paris. Zuletzt hatte der Mord an der 65 Jahre alten Jüdin Sarah Halimi im April 2017 in Paris durch einen Nachbarn nordafrikanischer Herkunft die Verunsicherung unter den jüdischen Franzosen verstärkt. Erst nach gut zehn Monate langen Ermittlungen wurde das antisemitische Motiv des Täters in die Anklage aufgenommen. Das lange Zögern der Justiz habe das Gefühl vieler Juden verstärkt, im Kampf gegen den Antisemitismus allein gelassen zu werden, sagt Kalifat.

          Juden mit geringem Einkommen sind doppelt bestraft

          Offensichtlich wurde aus den Versäumnissen im Fall Sarah Halimi gelernt. Die Verurteilung der neuen antisemitisch motivierten Tat war am Dienstag einhellig. Kalifat weist darauf hin, dass bei vielen Juden in den vergangenen Jahren der Eindruck entstanden sei, in ihrer Angst vor islamistischen Übergriffen isoliert zu sein. Erst seit den Anschlägen in Paris im November 2015 habe sich die Wahrnehmung verändert. Inzwischen fühlten sich alle Franzosen von der Hasspropaganda islamistischer Eiferer bedroht.

          Kalifat äußert die Überzeugung, dass der Rechtsstaat noch entschiedener vorgehen muss. „Wir müssen die Wurzeln des islamistischen Terrors bekämpfen“, fordert er. Die öffentliche Hand subventioniere oftmals Vereine, die salafistische und andere radikalislamische Propaganda verbreite. Sogar über Sportvereine würden oftmals islamistische Thesen befördert. Der Hass auf Juden werde wieder offen ausgesprochen.

          Der Crif-Vorsitzende wünscht sich, dass die Rechtslage verändert wird. Wie in Großbritannien sollten die Täter fortan beweisen müssen, dass ihre Tat nicht antisemitisch motiviert gewesen sei. Bislang müssen in Frankreich die Opfer den Beweis erbringen, dass sie eine Straftat aufgrund ihrer Religion erlitten. Kalifat spricht vom „inneren Exil“, das viele Juden in Frankreich erlebten. In der Peripherie der großen Städte Frankreichs mit hohem Einwanderungsanteil fühlten sich viele im Alltag nicht mehr sicher. Gerade jüdische Franzosen mit geringem Einkommen erlitten eine „Doppelstrafe“. Ihnen sei es aus finanziellen Gründen nicht möglich, aus ihrer feindseligen Umgebung wegzuziehen.

          Auch Mireille Knoll lebte in bescheidenen Verhältnissen in ihrer Sozialbauwohnung. Laut Zeitungsberichten war der mutmaßliche Täter gerade erst aus der Haft entlassen worden, nachdem er 2017 wegen einer Sexualstraftat an einem zwölf Jahre alten Mädchen verurteilt worden war. Die Straftat soll sich in der Wohnung Mireille Knolls abgespielt haben, schrieb „Le Parisien“. So soll sich der Mann an der Tochter der Krankenpflegerin der alten Dame vergangen haben. Über den zweiten Verdächtigen ist bislang nur bekannt, dass es sich um einen 21 Jahre alten Obdachlosen handelt, der bei der Polizei wegen Diebstählen und Gewalttaten einschlägig bekannt ist.

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