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Frankreich : Madame Royal will Präsidentin werden

„Wahrscheinlich” will sie 2007 antreten Bild: picture-alliance/ dpa

Die französische Linke hat die Krise der Rechten bisher nicht genutzt. Jetzt hat Marie-Segolene Royal im Fernsehen „gestanden“, daß sie schon gern Präsidentin würde. Die Sozialistin wird zur Hoffnungsträgerin.

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          Nach einem Höhepunkt geht es zwangsläufig erst einmal bergab. Die vorläufige Klimax ihrer Medienpräsenz hat Segolene Royal am vorigen Donnerstag erlebt. Um das zu bemerken, genügte es schon, an einem französischen Zeitungskiosk vorüberzugehen.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Vier wichtige Wochenzeitschriften setzten die Sozialistin auf dem Titelblatt in Szene. Am selben Abend war Frau Royal zur besten Sendezeit Gast im Privatsender TF1. Über die großen Linien der Politik einer etwaigen Präsidentin Royal, über ihre Vorstellungen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit beispielsweise, wußten allerdings auch die eifrigsten Leser und Fernsehzuschauer am Ende des Donnerstages wenig.

          Linke nutzte die Krise der Rechten nicht

          Als sie am Dienstag danach dann noch das Studio des Senders Canal Plus betrat, mag Segolene Royal befürchtet haben, die Dauerberieselung könnte die Franzosen mehr verdrießen als für sie einnehmen. In Ermangelung programmatischer Ankündigungen mag sie sich deshalb dafür entschieden haben, ihren Anspruch auf die Präsidentschaftskandidatur im Laufe des Interviews ein wenig handfester als bisher zu formulieren. „Wahrscheinlich“, sagte Frau Royal, werde sie 2007 antreten, „sofern die Dinge weiter so laufen wie jetzt“ - will sagen: wenn ihre Umfragewerte so günstig bleiben.

          Das ist immerhin konkreter als die bisherige Sprachregelung, sie halte sich „bereit“, und könnte dem Rennen der Sozialisten neuen Schwung geben. Bisher hatte keiner der Aspiranten versucht, die Krise des rechtsbürgerlichen Lagers wegen der vom Volk vereitelten Lockerung des Kündigungsschutzes zu nutzen, um sich der Öffentlichkeit als Bezwinger der verstörten Rechten zu empfehlen.

          Der einstige Parteivorsitzende Laurent Fabius, der aus dem Referendum über den EU-Verfassungsvertrag als Sieger hervorgegangen war, konnte sich keinen Vorteil von einem Vorpreschen erhoffen: In den Umfragen hallt sein Popularitätsschub vom vorigen Sommer längst nicht mehr nach. In einem Land, in dem selbst der wichtigste Unternehmerverband (Medef) von einer Lockerung des Kündigungsschutzes angeblich nichts wissen will, konnte Fabius sich allein mit der Ablehnung der von Villepin und Chirac eingeführten Ersteinstellungsverträge im linken Lager nicht profilieren.

          Ehemalige Beraterin Mitterands

          Ungewiß ist, ob Segolene Royal mit ihrem Parteivorsitzenden und Lebensgefährten Francois Hollande ihren Fernsehvorstoß abgesprochen hat. Bisher hatte es geheißen, im Hause Royal/Hollande solle erst „während der Sommerferien“ über die Kandidatur beraten werden.

          Im November entscheiden die Parteimitglieder, wer sie in die Wahl führt. Weder der frühere Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn noch der frühere Kulturminister Jack Lang dürften sich dafür noch Chancen ausrechnen. Auch der frühere Premierminister Jospin hat mit seiner Andeutung, wenn man ihn rufe, werde er sich kaum verweigern können, Frankreichs Linke nicht zu begeistern vermocht.

          Marie-Segolene Royal wurde vor 52 Jahren in Senegal geboren, wuchs aber hauptsächlich in Lothringen auf. Sie war das vierte von acht Kindern. Der Vater war ein Offizier, ihre Hinwendung zur Sozialistischen Partei also keine Selbstverständlichkeit. Den Präsidenten Mitterrand beriet sie schon als 29 Jahre alte Absolventin der Eliteverwaltungshochschule Ena. Inzwischen ist Segolene Royal Präsidentin der Region Poitou-Charentes, wo sie 2004 den damaligen Premierminister Raffarin besiegte.

          Sarkozy sieht sie als würdige Gegnerin

          Frau Royal war im Kabinett Beregovoy von 1992-1993 Umweltministerin; Jospin holte sie 1997 zuerst als beigeordnete Ministerin für Schulen ins Kabinett, später kümmerte sie sich in gleichem Rang um Familie und Jugend. Entsprechend hat Frau Royal sich bisher mehr zu den vermeintlich weichen Themen der Politik - Bildung, Gleichstellungsfragen, Umweltschutz - geäußert und gilt wohl deshalb als unideologisch.

          Eine stabile Hausmacht in der Sozialistischen Partei, deren Strukturen ihr fremd blieben, hat sie nicht. An der Parteibasis aber wächst die Zahl ihrer Unterstützer. Dazu zählen gleichermaßen Befürworter und Gegner des europäischen Verfassungsvertrags, welcher die Sozialisten im vorigen Jahr so tief spaltete. Angehörige beider Lager eint nun die von den Royalschen Umfragewerten beflügelte Aussicht, entgegen aller Erwartungen könnten die Sozialisten doch eine Chance haben gegen die Rechtsbürgerlichen.

          Deren Kandidat Sarkozy, um den die Präsidentenpartei UMP nach dem jüngsten Debakel Villepins kaum herumkommen dürfte, scheint mit der Aussicht gut leben zu können. „Sie ist eine Kandidatin auf sehr hohem Niveau“, lobte der Innenminister und UMP-Vorsitzende unlängst die Sozialistin, „sie ist jemand, die viele interessante Dinge sagt.“ Politisch Grundsätzliches gehörte bisher kaum dazu. Um so besser könnte sich Sarkozy gegen sie weiterhin als Politiker profilieren, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

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