https://www.faz.net/-gpf-vxxu

Frankreich : „Kinder aus Tschad haben Eltern“

Beschuldigt: Mitarbeiter von „L'Arche de Zoé” Bild: AFP

Die meisten der 103 Kinder, die von der französischen Hilfsorganisation „L'Arche de Zoé“ ausgeflogen werden sollten, waren keine Waisen. Das gab das Außenministerium in Paris bekannt. Berichte, die tschadischen Justizbehörden hätten gegen die 16 Europäer Anklage wegen „Kindesentführung“ und „Betrug“ erhoben, wurden indes dementiert.

          2 Min.

          Die meisten der 103 Kinder, die von der französischen Hilfsorganisation „L'Arche de Zoé“ nach Frankreich ausgeflogen werden sollten, haben Eltern und stammen aus Tschad. Das hat ein Berater des französischen Außenministers Kouchner, Eric Chevalier, am Dienstag im französischen Radiosender RTL gesagt. „Die Zahlen, die noch bestätigt werden müssen, zeigen eindeutig, dass die meisten Kinder tschadische Kinder sind mit Eltern in Tschad“, sagte Kouchners Berater. Die Sprecherin des französischen Außenministeriums, Pascale Andréani, bestätigte, dass nach französischen Informationen nur eine Minderheit der Kinder Waisen seien.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das französische Außenministerium dementierte die Nachricht, dass die tschadischen Justizbehörden gegen die 16 Europäer Anklage wegen „Kindesentführung“ und „Betrug“ erhoben hätten. Die tschadische Staatsanwaltschaft habe die Festgenommenen bisher nur „beschuldigt“, aber kein Verfahren eingeleitet. Seit vergangenem Donnerstag befinden sich 16 Europäer in Polizeigewahrsam in Abéché, darunter sieben spanische Besatzungsmitglieder des gecharterten Flugzeuges, drei französische Journalisten sowie sechs französische Mitglieder der Hilfsorganisation „L'Arche de Zoé“. Sie verbrachten die Nacht im Justizpalast von Abéché, sollten aber in die 700 Kilometer westlich gelegene Hauptstadt N'Djamena geflogen werden.

          Kritik an der Regierung in Paris

          Islamische Gruppen organisierten Proteste vor dem Justizgebäude, die Europäer wurden von den Demonstranten als „Diebe“ und „Mörder“ beschimpft. Während der spanische Staatssekretär im Außenministerium, Bernardino Leon, die „Unschuld“ seiner Landsleute betonte und ihre sofortige Freilassung forderte, verlangten die französischen Verantwortlichen keine Überstellung ihrer Landsleute an die französische Justiz. Die Staatssekretärin für Menschenrechte, Rama Yade, sagte nur, Frankreich sei eine „gute Mutter“ und werde den Festgenommenen „konsularischen Schutz“ gewähren. Außenminister Kouchner, der zur Zeit auf einer Asien-Reise ist, äußerte sich nicht.

          Die Linksopposition kritisierte die Haltung der Regierung. Der Parteivorsitzende der Sozialisten, François Hollande, sagte, Frankreich müsse sich um eine Ausreise der Franzosen bemühen, denn die tschadische Justiz entspreche nicht den Vorstellungen, die sich Frankreich von der Justiz eines Rechtsstaates mache. Der frühere Vorsitzende der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, Rony Brauman, sagte, die Hilfsorganisation „L'Arche de Zoé“ habe unter dem Eindruck eines „Völkermordes“ gehandelt und sei der Dramatisierung des Darfur-Konfliktes erlegen. Der Philosoph Bernard-Henri Lévy und der jetzige Außenminister Kouchner hätten im Frühjahr an der Dramatisierung der Darfur-Krise mitgewirkt. „Persönlichkeiten wie Bernard-Henri Lévy und Bernard Kouchner mit großem moralischen Gewicht haben die Idee verfestigt, dass auf die Bewohner des Darfur unweigerlich der Tod warte“, sagte Brauman im Radiosender RTL. „L'Arche de Zoé“ habe an das Katastrophenszenario geglaubt und sich als Lebensretter gesehen. Brauman kritisierte die Haltung der französischen Regierung als „unverhältnismäßig“.

          „Das Ziel war, die Kinder zu retten“

          Die Leute haben Fehler begangen, und es ist normal, dass sie sich vor der französischen Justiz zu verantworten haben. Aber sie haben versucht, Kinder zu retten, die sie in Lebensgefahr glaubten“, sagte Brauman. Der Anwalt von „L'Arche de Zoé“, Gilbert Collard, sagte, das französische Außenministerium habe der Hilfsorganisation keine klaren Vorgaben gemacht. „Es ist kein Verbot ausgesprochen worden“, sagte Collard, der als Argument anführte, die Arche-Mitarbeiter seien von den französischen Vertretungen in Tschad unterstützt worden. Arche-Begründer Eric Breteau habe in Tschad seine Identität nicht zu verstecken gesucht.

          Die Vertreterin der französischen Gastfamilien, bei denen die Kinder ein neues Zuhause finden sollten, Rachel Sanchez, zeigte sich am Dienstag weiter überzeugt von der „Legalität“ der Aktion: „Das Ziel war, die Kinder zu retten. Ein Verein, der die Rechte der Kinder aus Darfur respektieren helfen will - sagen Sie mir bitte nicht, dass das illegal ist. Ist es legal, sie sterben zu lassen?“ Sie bedaure nicht, sich für „L'Arche de Zoé“ eingesetzt zu haben. „Ich bedaure nur, dass sich das so für die Kinder abgespielt hat.“

          Weitere Themen

          Groteske Geschichtsklitterung

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          Topmeldungen

          Schriftsteller Peter Handke

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.