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Frankreich : Kandidatenrituale

  • -Aktualisiert am

Francois Hollande verheißt den Franzosen einen neuen europäischen Pakt der „Verantwortung“ und „des Wachstums“ Bild: Reuters

Der Wahlkampf in Frankreich ist noch bloß ein Schattenboxen: Sarkozy will sich noch nicht zum Status des Kandidaten herablassen. So geht er aber das Risiko ein, für seine Aufholjagd nicht mehr genug Zeit zu haben.

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          Die Wahl eines französischen Präsidenten folgt einem hochgradig ritualisierten Ablauf: Da gibt es die Kandidatenerklärung, die zum fast mystischen „Rendezvous“ eines Mannes (oder einer Frau) mit dem Volk verklärt wird. Darauf folgt die erste große Rede, welche die Persönlichkeit des Bewerbers ins Licht setzen soll. Das hat Franois Hollande vor einigen Tagen in Le Bourget hinter sich gebracht.

          Erst danach gibt es eine durchkomponierte Programmatik, meist mit blumigen Versprechen für die Wähler. Der linke Grundakkord, den Hollande in Le Bourget angeschlagen hatte, findet in seinen sechzig programmatischen „Engagements“ einen kräftigen Nachhall: Der Sozialist, der die Finanzwelt als seinen Gegner bezeichnet, will den europäischen Stabilitätspakt neu verhandeln, den „Teufelskreis des Sparens“ durchbrechen, die EZB neu ausrichten und den Élysée-Vertrag mit Deutschland aus dem Jahr 1963 neu verhandeln. Die europäischen Partner Frankreichs werden sich das alles sorgenvoll anhören.

          Aber auch hier spielen rituelle Muster eine Rolle. Hollande hat sein Verhalten und seine Strategie am Vorbild des bisher einzigen sozialistischen Präsidenten Mitterrand ausgerichtet. Dazu gehört auch die Maxime, dass der sozialistische Kandidat erst einmal das Potential der Linken, bis hinein in die Extreme, ausschöpfen muss; links von den Sozialisten sind immerhin zehn bis fünfzehn Prozent zu holen. Erst vor der zweiten Wahlrunde kann er dann um die Wähler der Mitte werben, die für Sieg oder Niederlage entscheidend sind.

          Mitterrand hatte mit dieser Taktik zweimal Erfolg, allerdings, zumindest nach seinem ersten Wahlsieg, auch ein Riesenproblem. In seiner „sozialistischen“ Phase von 1981 bis 1983 fuhr die französische Wirtschaft schnurstracks gegen die Wand. Sein Wirtschaftsminister Delors musste ihn zu einem strikten Sparkurs („rigueur“) überreden, sonst wäre Frankreich damals in die zweite europäische Liga abgestiegen.

          Das Ganze ist bisher ohnehin ein Schattenboxen, weil der Gegner noch gar nicht in den Ring gestiegen ist. Auch das ist ein Ritual: Der amtierende Präsident spielt seine Rolle so lange wie möglich, bevor er sich zum Status des Kandidaten herablässt. So hält es auch Sarkozy. Allerdings liegt er in den Umfragen weit zurück und geht damit das Risiko ein, dass er für die Aufholjagd nicht mehr genug Zeit hat.

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