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Frankreich : Hollande erkennt Massaker an Algeriern in Paris an

Hollande ist der erste französische Präsident, der die Niederschlagung von Demonstrationen von Algeriern als Massaker anerkennt Bild: AFP

Der französische Präsident Hollande hat die blutige Niederschlagung von Demonstrationen von Algeriern am 17. Oktober 1961 als „Tragödie“ bezeichnet. Als erster Präsident erkannte er an, dass die französische Repression Tote gefordert habe.

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          Frankreich geht bei der Aufarbeitung seiner Kolonialgeschichte voran. Als erster Präsident hat François Hollande in einem drei Sätze langen Kommuniqué anerkannt, dass französische Polizeikräfte am 17. Oktober 1961 Demonstrationen von Algeriern in Paris blutig niedergeschlagen haben und die Repression „Tote“ gefordert hat. Hollande bezeichnete die Vorfälle als „Tragödie“.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Diese offizielle Anerkennung erfolgt kurz vor dem Antrittsbesuch des französischen Präsidenten in Algier, der für Anfang Dezember geplant ist. Die algerische Staatsführung fordert seit langem, dass Frankreich alle Archive über die Geschehnisse um den 17. Oktober 1961 öffnet und sich zu der im Namen der Staatsgewalt organisierten Repression gegen die damals noch zu Frankreich gehörenden „Francais musulmans d’Algérie“ bekennt. Hollandes Vorgänger hatten dies abgelehnt mit dem Verweis darauf, dass der 17. Oktober 1961 nur im Gesamtzusammenhang des Algerien-Krieges bewertet werden dürfe.

          Fillon: Entweder alles zutage fördern, oder es sein lassen

          Hollande hat es in dem kurzen Kommuniqué vermieden, Worte der Reue oder des Schuldeingeständnisses zu wählen. Dennoch ist die Anerkennung der Verbrechen von der rechtsbürgerlichen Opposition und vom rechtsextremen Front National (FN) harsch kritisiert worden. Der frühere Premierminister François Fillon sagte am Donnerstag, alle zwei Wochen entdecke Frankreich eine neue Verantwortung, einen neuen Grund, sich schuldig zu fühlen. „Aber was ist mit den Verbrechen, die nach der Unabhängigkeit in Algerien begangen wurden, mit den Massakern gegen die Harkis (algerische Hilfssoldaten der französischen Armee), mit den algerischen Archiven, die nie geöffnet wurden? Entweder wird alles zutage gefördert, oder man lässt es ganz sein“, sagte Fillon.

          Der UMP-Fraktionsvorsitzende Christian Jacob bezeichnete es als „unerträglich“, die Polizei und mit ihr die gesamte Republik in Frage zu stellen. Der FN-Ehrenvorsitzende Jean-Marie Le Pen sagte, er spreche Hollande das Recht ab, die Schuld oder Unschuld Frankreichs zu erklären.

          Hollande hatte als sozialistischer Präsidentschaftskandidat zum 50. Jahrestag des Polizeimassakers eine Petition unterzeichnet, die „weder Rache noch Reue, sondern Recht durch Wahrheit“ versprach. Die Faktenlage zu den Geschehnissen des 17. Oktobers 1961 ist noch immer nicht genau geklärt. Der französische Historiker Jean-Luc Einaudi spricht von 200 Todesopfern, die offiziellen Polizeiberichte von drei Toten und 64 Verletzten.

          In Algerien wurde das Kommuniqué Hollandes positiv aufgenommen. Der algerische Botschafter in Paris, Missoum Sbih, sagte, es gebe seit der Wahl Hollandes „viele positive und ermutigende Zeichen“. Der französische Präsident verfolgt mit der Annäherung an Algerien wichtige nationale Interessen. So will er die algerische Staatsführung dafür gewinnen, sich an der Militärintervention im Norden Malis zu beteiligen. Bislang sperrt sich Algier dagegen.

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