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Präsident im Umfragetief : Macron erlaubt sich wieder Fauxpas

Macron posierte gemeinsam mit seinen Anhängern für Fotos. Bild: Reuters

Helfen T-Shirts und Selfies gegen sinkende Beliebtheitswerte? Am „Tag des offenen Denkmals“ startet Macron einen Versuch – und leistet sich im Gespräch mit einem arbeitslosen Gärtner prompt den nächsten Fauxpas.

          Emmanuel Macron hat sich zum „Tag des offenen Denkmals“ einiges einfallen lassen. Der Elysée-Palast eröffnete eigens eine Online-Boutique mit Fanartikeln, Kaffeebechern mit Elysée-Wappen, Uhren mit blau-weiß-roten Armbändern sowie weiße T-Shirts mit der Aufschrift „Croquignolesque“. Das Wort steht in keinem offiziellen Wörterbuch, gilt aber als besonders markante Macron-Vokabel. Als „croquignolesque“ hatte der Wahlkämpfer das verschwenderische System des sozialen Wohnungsbaus in Frankreich bezeichnet. Hinter dem lautmalerischen Ausdruck für „bizarr“, den nur die Fans der berühmten Comic-Serie „Les Pieds Nickelés“ mit dem Protagonisten Croquignol wirklich verstanden, verbarg Macron damals seine Pläne zum radikalen Umbau des ausufernden Wohlfahrtsstaates. Der Trick funktionierte gut, sogar Sprachpapst Bernard Pivot begeisterte sich für die originelle Wortwahl und hob sie auf eine Stufe mit Präsident Chiracs „abracadabradesque“. Mit seiner „Abrakadabra“-Zauberformel war es Chirac seinerzeit gelungen, von den auf ihm lastenden Korruptionsvorwürfen abzulenken.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Ähnliches hofft offensichtlich auch Macron mit Blick auf die anschwellende Kritik an ihm. Deshalb steht „Croquinolesque“ jetzt auf den T-Shirts, die Macron-Fans neben anderen Souvenirartikeln käuflich erwerben können. Auch wenn die Beliebtheitsraten des 40 Jahre alten Präsidenten inzwischen unter denen seiner Vorgänger zur gleichen Zeit liegen, kommt das Angebot gut an. Allein am ersten Verkaufswochenende brachte es der Online-Shop des Elysée-Palastes auf einen Umsatz von 350.000 Euro. Dennoch wird der „Tag des offenen Denkmals“ nicht als glorreich in die Geschichte Macrons eingehen. Denn anders als sein Vorgänger François Hollande, der sich stets damit begnügte, denkmalsgleich hinter seinem goldverzierten Schreibtisch den Besuchern zuzuzwinkern, entschloss sich Macron zum Bad in der Menge, oder vielmehr: er lustwandelte im Elysée-Garten unter jenen Leuten, die er gern „mein Volk“ nennt. Vermutlich hatte ihm sein neuer-alter Kommunikationschef Sylvain Fort dazu geraten, damit er den Ruf des „Präsidenten der Reichen“ loswird.

          Unter den hohen Bäumen der gepflegten Gartenanlage begegnete Macron einem jungen arbeitslosen Gärtner, der ihm von seiner erfolglosen Jobsuche berichtete. „Ich brauche nur über die Straße zu gehen und finde was für Sie“, sagte Macron dem 25 Jahre alten Mann. Er müsse nur die Branche zu wechseln: „Zum Beispiel im Hotelgewerbe oder in der Gastronomie“, so der Präsident. Der Austausch wurde aufgezeichnet und entrüstet seither viele Franzosen, die darin einen Beweis für das fehlende Mitgefühl Macrons sehen. Schon wiederholt hatte der Präsident irritiert, etwa als er in Athen über die „Faulenzer“ sinnierte oder in Kopenhagen seine Landsleute als „widerspenstige Gallier“ beschrieb. Der unterlegene linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon (La France Insoumise) empörte sich: „Macron bittet sechs Millionen Arbeitslose, nur über die Straße zu gehen, um einen Job zu finden. Aus seiner Sicht sind die Arbeitslosen selbst Schuld an ihrer Arbeitslosigkeit.“ Da half es auch nichts, dass der neue Umweltminister François de Rugy dem Präsidenten zur Seite sprang und dessen „schnörkellose Sprache“ lobte.

          Marine Le Pen, die Vorsitzende der rechtspopulistischen Nationalen Bewegung (RN), kann unterdessen frohlocken. Die Umfragewerte ihrer Partei steigen wieder, in Erhebungen zu den Europawahlen liegt sie inzwischen gleichauf mit Macrons „La République en marche“ bei 21 Prozent. Dem Präsidenten droht dabei neues Ungemach, wenn an diesem Mittwoch sein prügelnder Sicherheitsmann Alexandre Benalla vor den Untersuchungsausschuss des Senats treten muss. Justizministerin Nicole Bellobet hatte vergeblich versucht, die Anhörung Benallas mit dem Argument der Gewaltenteilung zu verhindern. Le Pen sagte: „Dieses Mandat sollte das einer neuen Welt sein. Doch es gibt nur ein Jahr später das Bild einer geschwächten, atem- und machtlosen Führung. Emmanuel Macron steht nicht am Anfang eines Zyklus, sondern am Ende.“

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