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Frankreich : Ein Philosophielehrer auf der Flucht

Französische Polizisten bewachen Redekers Haus Bild: AP

Nach der Regensburger Papst-Rede wetterte der französische Philosoph Redeker gegen politische Korrektheit und Gewalt im Islam. Nach einer Al-Dschazira-Sendung darüber erreichten ihn mehr als 200 Morddrohungen an einem einzigen Tag; jetzt steht er unter Polizeischutz.

          Mehrere Male in der Woche muß der französische Philosoph Robert Redeker sein Versteck wechseln. Der 52 Jahre alte Philosophielehrer lebt unter dem Bann von Morddrohungen islamistischer Extremisten, seit er in der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“ einen Beitrag zur Debatte über die Papst-Äußerungen geschrieben hat.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Wie soll die freie Welt auf islamistische Einschüchterungen reagieren?“ war sein Text überschrieben, in dem er sich in bewußt provozierendem Tonfall für den Schutz der freien Meinungsäußerung gegen politische Korrektheitsgebote aussprach. Das war am 19. September. Tunesien und Ägypten verboten an diesem Tag die Auslieferung des „Figaro“. Redeker, Sohn deutscher Einwanderer, unterrichtete wie gewöhnlich seine Oberschulklasse am Gymnasium von Saint-Orens-de-Gameville, einem beschaulichen Vorort von Toulouse.

          Wegbeschreibung zum Wohnhaus

          Am 20. September empörte sich der Moderator der Sendung „Das Leben und die Scharia“, die vom Satellitensender Al Dschazira ausgestrahlt wird, über Redeker. Moderator Scheich Youssef Al Qaradawi steht auch dem in London beheimateten „Europäischen Fatwa-Rat“ vor. Obwohl er formal keine Fatwa gegen Redeker aussprach, zeigten Al Qaradawis Worte sofort Wirkung.

          Noch am selben Tag erreichten den Lehrer mehr als 200 Morddrohungen per E-Mail. Der französische Geheimdienst DST fand in englischsprachigen Internetforen islamistischer Gruppen Fotos von Redeker, eine genaue Wegbeschreibung zu seinem Wohnhaus und seinem Arbeitsplatz sowie Angaben über seine Frau und drei Kinder. Der französische Innenminister Sarkozy stellte Redeker und dessen Familie unter Polizeischutz.

          Schleichende „Islamisierung des Denkens“

          Was hatte Redeker geschrieben, um den Zorn fanatischer Islamisten auf sich zu ziehen? Der Philosoph hatte in den Reaktionen auf die Regensburger Papst-Rede den Versuch gesehen, „im Westen das zu ersticken, was es in keinem muslimischen Land gibt: die Denk- und Meinungsäußerungsfreiheit“. Redeker schrieb: „Der Islam versucht, Europa seine Regeln aufzuzwingen: In den öffentlichen Badeanstalten Schwimmzeiten nur für Frauen, das Verbot, diese Religion zu karikieren, der Anspruch auf einen Sonderspeiseplan für muslimische Kinder in den Schulkantinen, der Kampf für das islamische Kopftuch an den Schulen und der Vorwurf der Islamophobie gegen alle freien Denker.“

          Als schleichende „Islamisierung des Denkens“ stellte Redeker die Nachgiebigkeit der staatlichen Verantwortungsträger gegenüber den Forderungen französischer Muslime dar. Dabei rechnete Redeker, der als Student und junger Lehrer in Toulouse linksextremen Gruppen angehörte, besonders mit der französischen Linken ab. Es seien dieselben Leute, die bei der Einweihung eines nach dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. benannten Platzes in Paris protestierten, sich aber für den Bau von Moscheen einsetzten.

          Redeker: „Mohammed ist ein Meister des Hasses“

          Der Westen stehe wie einst in der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus unter „ideologischer Überwachung“ durch den Islam. Wie früher der Kommunismus sehe der Islam in der Großzügigkeit, der Offenheit, der Toleranz, der Freiheit der Frauen und der Sitten, kurz in den demokratischen Werten „Zeichen der Dekadenz“.

          Und Redeker schrieb: „Keiner der Fehler der Kirche hat seine Wurzeln im Evangelium. Jesus ist nicht gewalttätig. Die Rückbesinnung auf Jesus ist eine Abkehr von den Auswüchsen der kirchlichen Institution. Die Rückbesinnung auf Mohammed verstärkt im Gegensatz den Haß und die Gewalt. Jesus ist ein Meister der Liebe, Mohammed ist ein Meister des Hasses.“ Im Koran trete Mohammed als „unbarmherziger Kriegsherr, als Plünderer“ auf, der „Juden massakriere“ und die „Vielweiberei“ predige, so Redeker.

          „Ich weiß nicht, wo ich morgen sein werde“

          Gegen die „ekelerregenden Ideen“ Redekers entrüstete sich die linksgerichtete „Liga für Menschenrechte“. Die „Bewegung gegen Rassismus und Völkerverständigung“ (Mrap) bedauerte in einer Stellungnahme, „daß jede Form verbaler Gewalt im Gegenzug noch extremere Gewalt heraufbeschwört“. Auch der französische Bildungsminister Gilles de Robien von der bürgerlich-liberalen UDF mochte den Lehrer nicht in Schutz nehmen. „Ein Beamter muß sich unter allen Umständen vorsichtig und gemäßigt zeigen“, sagte Robien.

          „Eine starke politische Geste, wie sie die britischen Behörden gegenüber Salman Rushdie wagten“, forderten unterdessen französische Philosophen und Intellektuelle von der Staatsführung. Zu den Unterzeichnern des in „Le Monde“ veröffentlichten Aufrufs zählen Bernard-Henri Lévy, André Glucksmann und Alain Finkielkraut. Angeregt hatte den Aufruf Claude Lanzmann, der Autor des Films „Shoah“ und Herausgeber der „Les Temps modernes“, dessen Redaktionsbeirat Redeker angehört.

          Denn Redeker steht zwar unter Polizeibewachung, ist aber selbst in der Pflicht, bei Freunden um Unterkunft zu bitten. Als „katastrophal“ bezeichnete Redeker seine persönliche Situation im „Figaro“. „Ich weiß nicht, wo ich morgen sein werde.“ Noch hat die Regierung nicht auf den Aufruf reagiert. Auch der islamische Repräsentativrat, der nach der Regensburger Rede des Papstes sofort Aufklärung verlangte, hüllt sich in Schweigen. Bislang hat kein führender Sprecher des französischen Islams die Morddrohungen gegen Redeker öffentlich verurteilt.

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