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Frankreich ehrt Soldaten : Abschied von zwei Helden der Nation

Dank amerikanischer Satellitenaufklärung erhielt die französische Armee schnell Kenntnis vom Aufenthaltsort der Geiseln. Bevor sie weiter nach Mali verschleppt werden konnten, entschied Macron während des EU-Sondergipfels in Hermannstadt (Sibiu), die Befreiungsaktion einzuleiten. „Franzosen waren in Gefahr, ihnen musste geholfen werden“, sagte er am Dienstag. Er hält die Idee einer Armee für alle Bürger hoch, die in Frankreich fest in den Ritualen verankert ist. Schon am frühen Morgen versammelten sich die ersten Bürger auf der dem russischen Zaren Alexander III. gewidmeten Brücke, die sich in einem kühnen Bogen über die Seine spannt. Die Brücke verbindet den Ort der politischen Macht, den Elyseé-Palast, mit dem Invalidendom. Als kurz nach zehn Uhr die Särge der beiden Elitesoldaten vorbeigetragen werden, steht die Menschenmenge dicht gedrängt auf beiden Seiten der Brücke, um sich vor ihnen zu verneigen.

Die meisten von ihnen kennen nur die Fotos der Soldaten, aber wollen ihnen eine letzte Ehre erweisen. Eine Lehrerin ist mit ihrer Schulklasse gekommen, es stehen Geschäftsleute in Anzügen neben Müttern mit Kinderwagen und Touristen mit Fotoapparaten. In der Trauer um die gefallenen Soldaten sind sie im Schweigen vereint. Die größten Fernsehsender übertrugen den Staatsakt zu Ehren der Soldaten live, die Presse widmete dem Thema viel Raum.

Ein fester Bestandteil der Gesellschaft

Die Streitkräfte werden als Teil der Gesellschaft betrachtet. Vielleicht erklärt das, warum in Frankreich die Armee viel weniger Kritik auf sich zieht als in Deutschland und Vorschläge wie die der Berliner SPD, die Bundeswehr aus den Schulen zu verbannen, unvorstellbar sind. Auch Frankreich hat den obligatorischen Militärdienst abgeschafft, aber sich eine Kultur der Würdigung militärischer Leistungen bewahrt. Das hängt auch mit der jüngsten Terrorwelle zusammen, die dazu führte, dass im Landesinneren Soldaten zum Schutz der Bürger eingesetzt werden.

Auch an den Auslandseinsätzen der Armee gibt es wenig öffentliche Kritik. Seit Beginn der Militäroperation in Mali im Januar 2013 sind 27 französische Soldaten in der Sahelzone gefallen. Ein Dutzend weitere Soldaten wurden schwer verletzt und werden Kriegsinvaliden bleiben. Der Verteidigungsfachmann Jean-Dominique Merchet hat berechnet, dass sich die Kosten für die Militäroperation in der Sahelzone auf mehr als vier Milliarden Euro belaufen. Die schnelle Stabilisierung, von der einst Präsident François Hollande nach dem erfolgreichen Zurückdrängen der islamistischen Kämpfer im Zuge der Operation Serval träumte, ist ausgeblieben. Stattdessen breiten sich Terrorgruppen weiter aus und gefährden die Stabilität in Mali, Niger, Burkina Faso und Benin, alles ehemalige französische Kolonien.

Aber Frankreich kann und will nicht, wie einst, den Gendarmen im westafrikanischen Hinterhof spielen. „Der Westen gewinnt seine Kriege nicht mehr“, sagte der Militärfachmann Gérard Chaliand. Deshalb setzt Macron verstärkt auf die Sahel-5-Initiative, die auch von der Bundesregierung maßgeblich unterstützt wird. Ihr Ziel ist es, eine Einsatztruppe der fünf afrikanischen Sahel-Staaten zu bilden und die Länder mit Entwicklungshilfeprogrammen stärker als bislang zu unterstützen. Denn die Geiselnahme zeigte, dass auch das bislang als sicher geltende Land Benin durch das Terrornetzwerk destabilisiert zu werden droht.

Außenminister Jean-Yves Le Drian behauptete fälschlicherweise, dass der Pendjari-Nationalpark in Benin schon längst als rote Gefahrenzone eingestuft sei. Doch die Reisewarnung für den Nationalpark war vom französischen Außenministerium erst nach der Entführung der beiden Urlauber ausgegeben worden.

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