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Frankreich : Die peinlichen Patzer der Ségolène Royal

Ihr Kichern am Telefon kann jetzt jeder hören Bild: AFP

Der französische Wahlkampf wird für die Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal immer unglücklicher. Jüngst entlockte ihr ein Stimmimitator am Telefon brisante Äußerungen. Und wieder vermutet Frau Royal eine Verschwörung. Michaela Wiegel berichtet aus Paris.

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          In der Karibik hat Ségolène Royal angefangen, kreolisch zu sprechen: „Nou kay cassé ca.“ Das bedeutet so viel wie „Machen wir es einfach kaputt“, um wieder neu zu beginnen. Ihr Publikum applaudierte begeistert über so viel Änderungswillen. Nach einer Wende in ihrem Wahlkampf sehnt sich die Präsidentschaftskandidatin nicht nur in den sonnigen Überseedépartements Martinique und Guadeloupe. Über ihre letzte Panne hat sich die Sozialistin so sehr geärgert, dass sie ihren Herausforderer, den rechtsbürgerlichen Kandidaten Sarkozy, des Komplotts bezichtigen ließ.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Dabei fing alles ganz harmlos an. Bei einer Kundgebung am vorigen Mittwoch ließ Ségolène Royal ihre Anhänger warten. „Ich habe gerade mit dem Ministerpräsidenten von Québec telefoniert“, sagte sie ziemlich stolz ob ihrer neuen internationalen Bedeutung, als sie endlich den Saal betrat. Am Tag zuvor hatte sie über die wünschenswerte Souveränität der frankophonen Provinz Kanadas mit ihrem neuen „Freund“ André Boisclair, dem Vorsitzenden der nach Unabhängigkeit strebenden „Parti Québécois“, geplaudert.

          „Das ist geheim“

          Der kanadische Ministerpräsident hatte sich den Einmischungsversuch aus Paris höflich verbeten, aber Ségolène Royal war darüber nicht zu betrüben gewesen. Der Ministerpräsident Québecs, also jener Mann mit dem unnachahmlichen Akzent des Québec-Französisch, hatte sie am Telefon freundlich darauf hingewiesen, dass ihr Ruf nach der Souveränität der Provinz Québec auf ihn und seine Landsleute so wirke, als „wenn wir die Unabhängigkeit Korsikas fordern würden“. „Damit wären die meisten Franzosen wohl einverstanden“, kicherte Ségolène Royal in die Telefonleitung. „Aber das bleibt unter uns, sonst gibt es wieder so ein Theater hier“, fügte sie lachend hinzu. „Das ist geheim.“

          Der Wahlkampf gegen Sarkozy wird bei Ségolène Royal noch manche Schramme hinterlassen

          Monsieur Jean Charest aber enthüllte das Geheimnis, weil er nicht Monsieur Charest, sondern der bekannte französische Stimmimitator Gérald Dahan war. Die besten Auszüge aus dem Telefongespräch waren im Radio RTL zu hören. Jeder kann sich das Telefonat seither im Internet anhören.

          Auch andere fielen schon auf Dahan herein

          Gérald Dahan hat es immer wieder geschafft, namhafte Politiker hereinzulegen. Im Mai 2003 rief er mit der Stimme des heutigen Außenministers und damaligen Gesundheitsministers Philippe Douste-Blazy beim damaligen Premierminister Jean-Pierre Raffarin an und brachte ihn dazu, Amtshilfe in einer peinlichen Angelegenheit zu versprechen.

          Er sei in „galanter Begleitung“ im Bois de Boulogne, dem Pariser Stadtwald und Arbeitsplatz vieler Prostituierter, von der Polizei aufgegriffen worden, beschwor der vermeintliche Douste-Blazy den Premierminister. Der sicherte seinem Gesundheitsminister zu, die Affäre begraben zu lassen. Nachdem der „Sketch“ Dahans aufflog, ließ der Premierminister den Tonträger mit der Gesprächsaufzeichnung beschlagnahmen und die Weiterverbreitung verbieten.

          Überall Verschwörungen und Komplotte?

          Am 7. September 2005, kurz nach dem Hirnschlag Chiracs, trieb Dahan es noch ärger. Er rief Zinédine Zidane mit der Stimme Chiracs an und überzeugte ihn, ihm seine Rekonvaleszenz mit einer freundlichen Geste zu verschönern. Beim nächsten Fußballspiel der Nationalelf, so der angebliche Präsidentenwunsch, sollten die Kicker beim Absingen der Marseillaise die Hand aufs Herz legen. So geschah es vor dem WM-Qualifikationsspiel Frankreich gegen Irland. Zinédine Zidane soll sehr wütend gewesen sein, als er erfuhr, dass er dem Staatspräsidenten keine Freude bereitet hatte.

          Ségolène Royal aber wittert hinter dem Imitatorenstreich ihren Gegner Sarkozy. Sie ließ verbreiten, dass Dahan dem UMP-Kandidaten nahestehe, denn er sei einmal bei einer UMP-Veranstaltung aufgetreten. Der Coup zur Blamage Chiracs sei ein weiterer Beweis für Dahans Nähe zu Sarkozy. Verschwörungen und Komplotte sieht die sozialistische Kandidatin überall, seit ihre Wahlkampagne nicht mehr als „partizipative Neuerung“, sondern als Serie von Pannen und Patzern in den Medien wahrgenommen wird. Sie unterstellt Sarkozy, als Innenminister einen ihrer Mitarbeiter bespitzeln zu lassen.

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