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Frankreich : Der neue Antisemitismus

  • -Aktualisiert am

Gewaltsame Ausschreitungen im Anschluss an eine pro-palästinensische Demonstration im Pariser Vorort Sarcelles am 20. Juli Bild: AP

Hinter der Kritik an Israel verbirgt sich in Frankreich Judenhass vor allem unter Migranten als ein strukturelles Übel. Lange hat die Politik das vertuscht.

          Es ist eine erschöpfte, wirtschaftlich darbende Nation, die in diesen Tagen „eine neue Form des Antisemitismus“ entdeckt. Das Urteil stammt vom französischen Premierminister Manuel Valls. Frankreich erlebt demnach einen Ausbruch von Judenhass, „der sich hinter der Fassade des Antizionismus und der Kritik an Israel verbirgt“. Viermal in Folge ist es am Rande propalästinensischer Demonstrationen in Paris und in Sarcelles zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen, die sich gegen Synagogen und von Juden geführte Geschäfte richteten. Israelische Flaggen gingen unter dem Jubel der Brandstifter in Flammen auf.

          Das alles stützt die These des Premierministers, der den neuen Antisemitismus „im Internet und in unseren Wohnquartieren“ ansiedelt, wobei Valls mit Letzterem die hauptsächlich von Franzosen mit Migrationshintergrund bewohnten Sozialbauviertel der Vorstädte meint. Diese Äußerungen stellen einen Bruch im bisherigen politischen Diskurs dar, der diese Fragen jahrelang vertuschte.

          Seit jeher findet der Nahost-Konflikt in Frankreich ein starkes Echo. Gut eine halbe Million Juden leben hier, mehr als in anderen europäischen Ländern. Zugleich bilden annähernd sechs Millionen Franzosen aus dem arabisch-muslimischen Kulturraum ein diffuses Sammelbecken der Solidarität mit dem palästinensischen Volk. Etwa 50 Kundgebungen hat es in ganz Frankreich schon gegeben, und die meisten sind friedlich verlaufen. Unter den Demonstranten sind viele, die aufrichtig für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten eintreten und keine Ressentiments gegen Juden hegen.

          „Verlorene Gebiete der Republik“

          Auch waren unter den Randalierern polizeibekannte Schlägertrupps wie Hooligans des Pariser Fußballclubs Paris Saint-Germain. Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter jungen Arabern und Afrikanern mit französischem Pass ein Antisemitismus gepflegt wird, der nur eine Gelegenheit sucht, um zu explodieren. Der Ausbruch des Judenhasses ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die viel mit der Kolonialvergangenheit, versäumten Erziehungschancen und der allgemeinen französischen Identitätskrise zu tun hat.

          Vor zehn Jahren erschien unter Pseudonym das Buch „Die verlorenen Gebiete der Republik“, das die Kapitulation der Lehrer an den Banlieue-Schulen im Geschichtsunterricht beschrieb. Aus Angst vor Anfeindungen und Randale im Klassenzimmer verzichteten viele Lehrer darauf, den Kindern der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration elementares Wissen über den Holocaust und die Entstehung des Staates Israel zu vermitteln. Das Laizitätsgebot, das den Religionsunterricht in Frankreich aus den öffentlichen Schulgebäuden verbannt, verstärkte das Unwissen weiter. Das Establishment, das seine Kinder in Privat- oder staatliche Eliteschulen schickt, ignorierte die Warnungen.

          So wuchsen und wachsen historisch wie religionsgeschichtlich „unbefleckte“ Franzosen auf, die zu willfährigen Empfängern einer offensiven antizionistischen Propaganda werden. Denn im vergangenen Jahrzehnt hat sich unter der Führerschaft des schwarzen Selbstdarstellers Dieudonné und des weißen Publizisten Alain Soral eine von Weltverschwörungstheorien gespeiste Parallelkultur entwickelt, die sich via Internet und kleine Untergrundverlage verbreitet. Ohne Präsenz in den traditionellen Medien sind Dieudonné und Soral mit ihren antisemitischen Thesen zu Kultfiguren aufgestiegen, deren Videoclips auf Anhieb fünf Millionen Aufrufe bekommen.

          Ihr Erkennungszeichen ist der Quenelle-Gruß, eine Art umgekehrter Hitler-Gruß, bei dem die linke Hand auf den rechten Oberarm gelegt wird, während dieser straff nach unten gestreckt ist. Verbindungen zu den auch durchaus vorhandenen alteingesessenen Antisemiten wie zur alten Garde um den Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen sind dabei durchaus erwünscht. Von einem konjunkturellen Phänomen, das an die Ereignisse des Nahost-Konfliktes geknüpft war, hat sich der Antisemitismus in der Banlieue zu einem strukturellen Übel entwickelt.

          Die dumpfe Feindseligkeit gegenüber Juden bildet den Nährboden für erschreckende Einzeltaten. Im Januar 2006 wurde der Franzose Ilan Halimi in einem Pariser Vorort zu Tode gefoltert, weil er Jude war. Seine Peiniger waren allesamt gleichaltrige Franzosen mit Einwanderungshintergrund. Im März 2012 griff der Franzose Mohamed Merah vor einer jüdischen Schule in Toulouse zur Waffe und tötete einen Lehrer und drei Kinder. Bei der Schweigeminute, die der Staatspräsident zum Gedenken an die Opfer an allen staatlichen Schulen anordnete, kam es in vielen Klassen in der Banlieue zu Pfiffen und Buhrufen. Merah zum Vorbild nahm sich der in Roubaix aufgewachsene Franzose Mehdi Nemmouche, der im Mai im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschoss.

          Die Gewalttaten wie die Ausschreitungen sind dabei das Werk einer Minderheit, die in der freiheitlichen, integrationswilligen französischen Gesellschaft nie Fuß gefasst hat. Die Linksregierung leugnet dies nicht länger. Das ist ein Anfang. Doch nur grundlegende Veränderungen im Erziehungs- und Ausbildungswesen werden einen Wandel bringen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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