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Frankreich : Der Minister aus der Banlieue

Wieder eine Brandnacht im Pariser Vorort Aulnay sur Bois Bild: REUTERS

Die Unruhen in neun Pariser Vororten halten nun schon die siebte Nacht in Folge an. Sie machen Azouz Begag, den „Minister für die Förderung von Chancengleichheit“, zu Sarkozys Gegenspieler. Er kritisiert die Tonart des durchgreifenden Innenministers.

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          Die „banlieue“ der großen französischen Metropolen mit ihren Wohntürmen nennt Azouz Begag seine Heimat. In einer der heruntergekommenen Sozialbausiedlungen nahe Lyon, in Villeurbanne, wuchs er in einer kinderreichen Familie auf, die wie so viele andere aus Algerien stammte.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Begag ist weit davon entfernt, seine Kindheit schönzureden. Armut und Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Rauschgifthandel, Rassenspannungen und Zukunftslosigkeit charakterisierten schon damals die Banlieue. Mit seinem Roman „Le Gone du Chaaba“ (etwa: „Das Gör von Chaaba“) hat er ein schonungsloses Zeugnis des Lebens in jenen Wohngebieten hinterlassen, die heute politisch korrekt als „sensible Zonen“ bezeichnet werden.

          Gegenspieler des Innenministers

          Der 48 Jahre alte Schriftsteller und Soziologe Begag sitzt seit Mai mit an Villepins Kabinettstisch, und obwohl er als „Minister für die Förderung von Chancengleichheit“ einen niederen Rang in der Hierarchie einnimmt, weiß er sich Gehör zu verschaffen. Die Unruhen, die in Clichy-sous-Bois im Norden von Paris nach dem Unfalltod von zwei Jugendlichen aufgeflammt sind und inzwischen auf andere Vororte übergegriffen haben, haben Begag zur anderen Stimme der rechtsbürgerlichen Regierung werden lassen - als Gegenspieler des Innenministers.

          Straßenkämpfe in Paris
          Straßenkämpfe in Paris : Bild: dpa/dpaweb

          Die Eskalation, die in der Nacht zum Mittwoch wieder zu Brandstiftungen und Auseinandersetzungen zwischen Unruhestiftern und Polizisten führte, hat Begag nicht überrascht. In der Nacht zum Mittwoch gingen insgesamt 68 Autos in mehreren Pariser Vororten in Flammen auf; 34 Verdächtige wurden festgenommen. Präsident Chirac rief zu einer „Befriedung“ auf und stärkte Begag bei der Kabinettssitzung am Mittwoch demonstrativ den Rücken. Der dem Premierminister direkt unterstellte Minister hat dabei keinen offenen Streit mit Innenminister Sarkozy gesucht. Doch er hat Sarkozys martialischen Tonfall wie den Repressionskurs mit dem Schlagwort „null Toleranz“ in Frage gestellt.

          Chancengleichheit statt Polizei

          Begag zweifelt daran, daß mit der Entsendung von immer mehr Polizisten die Vororte befriedet werden können. „Die Ordnung wird nicht durch mehr Spezialeinheiten wiederhergestellt, sondern indem die Chancengleichheit wiederhergestellt wird“, sagte der Minister. Er wandte sich gegen die Wortwahl des Innenministers, der die Jungen in der Banlieue als „Gesindel“ (“racaille“) bezeichnete.

          „Wir dürfen den Jungen nicht sagen, daß sie Gesindel sind, wir dürfen ihnen nicht mit direkter Konfrontation oder mit einem Polizeiaufmarsch drohen. Wir sollten lieber einen Willen der Befriedung an den Tag legen“, sagte Begag. Er tritt für Härte gegenüber Straftätern ein, plädiert aber dafür, die durch ihre Lebenserfahrung mißtrauisch gewordenen Bewohner der Vororte respektvoll zu behandeln. Sarkozy, davon ist Begag überzeugt, hat mit seiner markigen Sprache den Eindruck einer undifferenzierten Diskriminierung verstärkt. Schon vor Monaten hat sich Begag offen gegen Sarkozys Drohung gewandt, eine Sozialbausiedlung „mit dem Hochdruckreiniger Kärcher gründlich zu reinigen“. „Das Wort reinigen benutze ich, wenn ich meine Schuhe oder mein Auto reinigen will, aber nicht für ein Wohnviertel, in dem Tausende Menschen leben“, sagte Begag. Bürgermeister aus dem rechtsbürgerlichen Lager in „sensiblen“ Vororten stimmen Begag zu. Der Bürgermeister von Argenteuil, Georges Mothron (UMP), etwa hat den Besuch des Innenministers alles andere als in guter Erinnerung. „Ich bin für ein hartes Durchgreifen gegenüber Straftätern. Aber ich habe dem Innenminister gesagt, wenn er wiederkommt, sollte er besser jene ermutigen, die sich gut integriert haben“, sagte Mothron.

          Schulen haben versagt

          Als „Vorzeigeeinwanderer“ will Begag nicht dienen. Er empfindet es als seine Stärke, die Banlieue aus eigener Erfahrung zu kennen. Er spaßt lieber darüber, daß er anfangs mehrmals für einen Leibwächter gehalten wurde, weil sich seine Besucher nicht vorstellen konnten, daß jemand mit arabischen Gesichtszügen Minister ist. Jacques Chirac war 1995 in Lyon auf den Soziologen aufmerksam geworden, weil er ihm anschaulich berichtete, wie man mit einer „Araberfresse“ (“gueule d'Arabe“) in Frankreich behandelt werde. Erst kürzlich kam es bei einer Reise des Ministers zu einem Vortrag in die Vereinigten Staaten zu einem diplomatischen Zwischenfall. Die amerikanischen Grenzschutzbeamten in Atlanta wollten Begag trotz seines Diplomatenpasses nicht einreisen lassen - bis ein französischer Diplomat nach 45 Minuten Wartezeit die Klärung herbeiführte.

          Anders als Nicolas Sarkozy, der eine „positive Diskriminierung“ und Quoten zur Förderung von Franzosen mit Einwanderungshintergrund fordert, hält Begag nicht viel von „reservierten Plätzen“ für bestimmte Minderheiten. Ende 2004 legte er dem damaligen Innenminister de Villepin einen Bericht zur Zukunft der Integrationspolitik vor, in dem er statt dessen eine Rückkehr zum republikanischen Ideal der Chancengleichheit forderte. Der Schule kommt in dem Bericht eine zentrale Rolle zu: Ihr Versagen in den Banlieues betrachtet Begag als schwerwiegendste Einschränkung der Chancengleichheit. Die Schuld dafür sieht der Minister bei der französischen Linken. In der Ära Mitterrand habe die Linke die Banlieue sich selbst überlassen. „Die Linke kann uns heute nichts vorhalten, wenn man sich ansieht, wie sie uns Franzosen aus der Einwanderung jahrzehntelang aus den politischen Entscheidungsprozessen ferngehalten hat. Heute beutet sie den Tod von zwei Jugendlichen aus, um sich zum Anwalt der Banlieue aufzuschwingen, das ist skandalös“, sagte Begag.

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