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Frankreich : Chiracs Missionar für Krisenzeiten

„Wie sein Sohn”: Villepin fasziniert Chirac Bild: AP

Die Franzosen haben „Non“ zur EU-Verfassung gesagt, Präsident Chirac hat reagiert: Nach dem bodenständigen Mann vom Lande bekommt Frankreich einen wortgewaltigen Dichter als Premier. Villepin ersetzt Raffarin als Regierungschef.

          4 Min.

          Von Alain Juppé ist die Äußerung überliefert, Dominique de Villepin wäre ein „guter Regierungschef in Kriegszeiten“. Krisenzeiten sind es allemal, die den 51 Jahre alten Dichterdiplomaten im Hôtel Matignon, dem feinen Amtsitz der Premierminister in Paris erwarten.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Den Franzosen ist der hochgewachsene Mann mit der silbernen Poetenfrisur vor allem als Außenminister in Erinnerung geblieben, als er am 24. Februar 2003 seine „Friedensrede“ vor der Versammlung der Vereinten Nationen in New York hielt. Präsident Chirac war dem jungen Diplomaten aus bestem lothringischem Hause immer zugeneigt gewesen, fast schien es, als sehe er in ihm den Sohn, den er nie gehabt hat.

          Flamboyantes Anderssein

          Dabei faszinierte Chirac gerade, daß Villepin in der zu Konformität neigenden Staatselite immer sein flamboyantes Anderssein zur Schau stellte. Dominique Marie François René Galouzeau de Villepin hebt sich durch die hehren Ideen von Frankreichs Mission in der Welt ab ; Ideen, die wohl nur jemand so insbrünstig entwickeln kann, der wie Villepin weit ab vom Mutterland aufgewachsen ist. Sein Ideal von Frankreichs universellem Auftrag im Namen der Menschenrechte verteidigte er um so stärker, als es fern lag. „Von Frankreich habe ich geträumt, bevor ich es kennenlernte“, sagt Villepin.

          Dominique de Villepin
          Dominique de Villepin : Bild: AP

          1953 wurde er in Rabat in Marokko geboren und die Familie zog, die erfolgreiche Karriere des Geschäftsmanns und späteren Senators der Auslandsfranzosen Xavier de Villepin begleitend, von Lateinamerika weiter in die Vereinigten Staaten. Der Vater, der zuletzt den Auswärtigen Ausschuß im Senat leitete, war es auch, der dem jüngsten Sohn wie seinen zwei anderen Kindern riet, im hohen Staatsdienst Frankreich zu dienen.

          „Husar der Republik“

          Alle drei Villepin-Kinder absolvierten die Eliteverwaltungsschule Ena. Dominique entschied sich für die diplomatische Laufbahn. Im Außenministerium wurde der damalige RPR-Vorsitzende Chirac rasch auf den jungen Mann aufmerksam, der so überzeugend die „grandeur“ Frankreichs zu rechtfertigen suchte. Außenminister Juppé ernannte ihn 1993 zu seinem Kabinettsdirektor, wo er das Krisenmanagement auf dem Balkan, in Algerien und in Ruanda mitprägte.

          Chirac holte sich den „Husaren der Republik“, wie ihn „Le Monde“ nannte, 1995 ins Zentrum der Macht, als Generalsekretär in den Elysée-Palast. Dort soll sich Villepins aus der Weltliteratur gespeister Hang zu Verschwörungen und Geheimmissionen entwickelt haben. Bernadette Chirac, die Präsidentengattin, taufte den Generalsekretär „Nero“. Sie verzieh ihm nie, daß er ihren Mann zu der Auflösung der Nationalversammlung gedrängt hatte, die in eine desaströse Niederlage bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 1997 und eine fünf Jahre währende Kohabitation mit einer Linksregierung mündete.

          Gegenseitige Loyalität

          Doch Chirac hielt an seinem Generalsekretär fest, der ihm in tiefsten Affärensumpf mit einer literarischen Trouvaille zu Hilfe eilte. Die einem Gedicht Rimbauds entlehnte Wortschöpfung „abrakadabrahaft“ („abracadabrantesque“) lenkte die Aufmerksamkeit der Medien geschickt von den Korruptionsvorwürfen gegen Chirac ab.

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