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Frankreich : Auf der Suche nach der verlorenen Normalität

Frankreichs First Lady macht Zicken Bild: afp

Kurz vor der entscheidenden zweiten Runde der Parlamentswahlen muss sich Präsident Hollande Sorgen um sein Bild im Lande machen: Seine Lebensgefährtin rächt sich an ihrer Vorgängerin - per Twitter.

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          Ist der „normale Präsident“ noch zu retten? François Hollande steht kurz vor der entscheidenden zweiten Runde der Parlamentswahlen vor dem Verlust seines kostbarsten politischen Gutes: In den langen Wahlkampfmonaten hatte der Sozialist den Franzosen vorgespielt, dass er ein normaler Präsident sein werde, und meinte damit: das Gegenteil von Nicolas Sarkozy. Vorbildlich wolle er sein, versprach Hollande, und Privates und Politisches fein säuberlich trennen. Nun ist sein Ruf als „anderer“ Staatschef so gut wie ruiniert.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Elysée-Palast sollte nicht länger Drehort für Seifenopern sein, wie sie Sarkozy aufgeführt hatte: „Cécilia als Retterin der bulgarischen Krankenschwestern bei Gaddafi“, „Cécilia schmollt am Nationalfeiertag“, „Cécilia brennt mit dem ,Beleuchter‘ durch“, „Mit Carla frisch verliebt bei Eurodisney“, „Mit Carla ,ist es ernst‘ zur Jahrespressekonferenz“, „Ein Baby für Carla“ - um nur einige der Episoden zu nennen. Doch jetzt hat Valérie Trierweiler, Hollandes „Frau des Lebens“, die hehren Versprechungen des normalen Präsidenten mit einem 140 Zeichen zählenden Eifersuchtstweet als politische Propaganda entzaubert. Sie ging dabei dreister vor, als es ihre Vorgängerinnen der Sarkozy-Ära je gewagt hatten.

          Denn die 47 Jahre alte „Première Dame“ mischte sich direkt in den Parlamentswahlkampf ein. Sie sicherte dem Herausforderer der sozialistischen Kandidatin Ségolène Royal in La Rochelle am Atlantik ihre Unterstützung zu, wohl „aus Hass“ auf ihre Vorgängerin, wie die Theatermacherin Ariane Mnouchkine am Mittwoch mutmaßte. Großes Theater sei das nicht, befand sie, vielmehr „ein Verrat“ an allen Versuchen Hollandes, durch ein bescheidenes und vorbildliches Auftreten das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.

          „Dallas im Elysée-Palast“

          Die Twitterbotschaft brüskierte nicht nur Ségolène Royal, die sich im Falle eines Wahlsieges auf dem Sessel der Nationalversammlungspräsidentin niederlassen will. Sie stellt François Hollande als fragilen Familienführer bloß, der zwischen aktueller und ehemaliger Lebensgefährtin keinen Frieden zu stiften vermag. Damit wachsen auch Zweifel an seinen politischen Führungsqualitäten. Es wird jetzt der größeren Öffentlichkeit offenbar, dass Hollande sehr wohl in der französischen Tradition der von privaten Motiven gesteuerten Postenvergabe steht. Denn er hat der Mutter seiner vier Kinder zugesichert, ihre Wahl zur Präsidentin der Nationalversammlung zu befördern.

          „Sie werden sich noch nach Nicolas Sarkozy zurücksehnen ... und nach Carla“, sagte die frühere Ministerin Nadine Morano, die in Lothringen um ein Abgeordnetenmandat kämpft. Von „Dallas im Elysée-Palast“ sprach der UMP-Mann Geoffroy Didier, ein anderer formulierte den Spott des früheren Premierministers Dominque de Villepin nach der Flucht Cécilia Sarkozys aus dem Elysée-Palast neu: „Hollande hat seine Frau nicht im Griff, er ist ein Schwächling, er hat keine Charakterstärke.“ Unter den Sozialisten herrschten Betretenheit und Wut. Der Abgeordnete Claude Bartolone sprach von einem „Fehler“ der First Lady: „Alles, was uns vom Wahlkampf weg bringt, dient nur der Wahlenthaltung und der Opposition.“ Premierminister Jean-Marc Ayrault ermahnte Valérie Trierweiler am Mittwoch, „eine diskrete Rolle“ zu wahren. Nur François Hollande schwieg beharrlich.

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