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Frankreich : Appetitliche Slogans

Einzige Lichtgestalt der Sozialisten: Marie-Segolene Royal Bild: picture-alliance/ dpa

Marie-Segolene Royal gilt in Frankreich als Supermama, Kaviarlinke und beste Hoffnung der Sozialisten. Doch über ihr politisches Programm kann man nur rätseln. Ihre Weltanschauung verpackt die 52jährige lieber in Slogans.

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          Porträts von Segolene Royal beginnen mit ihrem umwerfenden Äußeren, den langen, schlanken Beinen, den feinen Gesichtszügen unter dem dichten, kastanienbraunen Haar, ihrer zeitlosen Schönheit, die einem Madonnenbild Bellinis entsprungen scheint. Und Porträts von Segolene Royal werden in diesen Wochen viele geschrieben und gesendet, ist sie doch so ziemlich die einzige Lichtgestalt, mit der die Sozialistische Partei als größte Kraft der französischen Opposition im beginnenden Präsidentschaftsvorwahlkampf aufwarten kann.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Konzentration auf das Erscheinungsbild der Politikerin führt mehr vor, als Madame Royal recht sein kann: eine gewisse Leere, wann immer es um ein mögliches Präsidentenprogramm für eine fünf Jahre währende Amtszeit geht. Immerhin hat sich die 52 Jahre alte Berufspolitikerin jetzt gegen die geplante Lockerung der Kündigungsfrist für Berufseinsteiger ausgesprochen, auch wenn sie den Demonstrationen tunlichst ferngeblieben ist. Ihre Weltanschauung verpackt Frau Royal lieber in Slogans, die so appetitlich wie ihre Autorin wirken: „desirs d'avenir“, Sehnsüchte nach Zukunft. So hat sie ihre neue, persönliche Webseite betitelt, die sie als bürgernahe Einrichtung der „interaktiven Kommunikation“ verstanden wissen will.

          „Und wer kümmert sich dann um die Kinder?“

          Segolene Royal macht eben alles etwas anders als die Herren Genossen, mit deren Chef Francois Hollande, dem Ersten Sekretär der Sozialistischen Partei, sie auch privat ihr Leben gestaltet. Vielleicht ist es auch deshalb so schwierig, die Entstehungsgeschichte ihrer Anwärterschaft auf den höchsten Staatsposten zu erforschen. Von den „Parteifreunden“, von denen Segolene Royal lange Zeit als Anhängsel Hollandes in Kauf genommen wurde, will sich niemand daran erinnern können, wieso ausgerechnet sie auf die Liste der „presidentiables“ geriet.

          Um so gereizter und nervöser reagieren sie auf die unerwartete Konkurrentin, die in allen Meinungsumfragen den Spitzenplatz einnimmt. Laurent Fabius, der sich auf den Wettstreit mit dem von ihm „Walderdbeere“ getauften Hollande eingestellt hatte, ließ ein entgeistertes „Und wer kümmert sich dann um die Kinder?“ entweichen. Die Sozialistinnen haben ihm das nicht verziehen. Dominique Strauss-Kahn, ein weiterer Prätendent, zog seinen „Freund Francois“ zur Rechenschaft und hielt ihm vor, hinter der Maske des unvoreingenommenen Parteichefs seine Lebensgefährtin heimlich zu begünstigen.

          „Werte, für die ich stehe, werden wieder modern“

          Ungerecht war an diesem Vorwurf besonders, daß Francois Hollande schon genug mit seinem Ego zu kämpfen hat. Denn der Parteivorsitzende war eigentlich der Meinung, daß er an der Reihe sei, die Kandidateninvestitur zu beanspruchen. Für einen weiteren Kandidaten für die Kandidatur, Jack Lang, den ewig Jugendlichen, endete Segolenes Umfragenhöheflug mit dem bitteren Eingeständnis, daß jetzt wohl doch das Zeitalter der Frauen begonnen habe.

          Den Hahnenkämpfen in ihrer Partei hat sie noch nie etwas abgewinnen können. Das bedeutet nicht, daß die elegante Offizierstochter zu feinsinnig wäre, einem heftigen Schlagabtausch standzuhalten. Nicht nur ihr Biograph (Hagiograph?) Daniel Bernard hebt in seinem 2005 erschienenen „Madame Royal“ die „Virilität“ seines Studienobjektes hervor. Aber Segolene Royal interessiert sich einfach nicht für das Machtgeschacher in der Parteizentrale, von dem sie über ihren Lebensgefährten ohnehin schon mehr als genug erfährt. Als Politikerin hat sie sich immer Themen ausgesucht, die von den männlich dominierten Politikkreisen als „zu seicht“ empfunden wurden: Gewalt im Fernsehen oder Prostitution, Pornographie oder Familienzusammenhalt, Umweltschutz oder gesunde Ernährung. Ihrer ein „bißchen reaktionären Seite“ schäme sie sich nicht, sagte sie kürzlich im Fernsehen, „denn die Werte, für die ich stehe, werden wieder modern“.

          „Befreiung“ aus den Regeln des Elternhauses

          Segolene Royal hat auf ihrem Lebensweg ziemlich gut die Widersprüche der modernen französischen Frau miteinander vereinbart, was vielleicht zu ihrer Beliebtheit beiträgt. Als viertes Kind einer acht Kinder zählenden Offiziersfamilie wurde sie mit Drill und Disziplin erzogen. Nach einem Aufenthalt in Afrika, wo sie am 22. September 1953 in Dakar (Senegal) zur Welt kam, ließ sich die Familie in Lothringen nieder. Die Eltern schickten Marie-Segolene in die katholische Internatsschule Notre-Dame d'Epinal, „eine Befreiung“ aus den engen Regeln des Elternhauses, wie sie später sagte.

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