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Frankreich : An den Extremen schließt sich der Kreis

Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon Bild: dapd

Die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon buhlen um dieselben Wähler. Ihre größten Zuwüchse erzielen die Präsidentschaftskandidaten der Extremen bei den Jungwählern zwischen 18 und 24 Jahren.

          Sie haben mehr Gemeinsamkeiten, als ihnen lieb ist. Jean-Luc Mélenchon, der Linkspopulist, und Marine Le Pen, die Rechtspopulistin, mögen nicht miteinander verglichen werden. Demoskopen wähnen die Kandidatin des „Front National“ und den Kandidaten des „Front de Gauche“ in der ersten Runde der Präsidentenwahl am 22. April gleichauf. Beide ziehen mit Angriffen auf „das System“ und die Herrschaft der beiden großen Parteien Wähler in ihren Bann.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Sie versprechen den Franzosen eine Welt jenseits des globalisierten Kapitalismus, an deren Anfang der Abschied vom Euro steht. Ihre größten Zuwächse erzielen Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon bei den Jungwählern zwischen 18 und 24 Jahren. Das hat eine Studie des Meinungsforschungsinstituts CSA herausgefunden. Marine Le Pen hat in dieser Gruppe zuletzt am meisten zugelegt, während sie bei älteren Wählern Einbußen verzeichnete. Auch Jean-Luc Mélenchon verdankt seinen Aufstieg in den Umfragen den Jüngeren. 16 Prozent der Wähler zwischen 18 und 24 Jahren wollen für ihn stimmen, dreimal mehr als Ende 2011.

          Marine Le Pen giftet, Mélenchons Umfragewerte seien eine von den Medien beförderte Modeerscheinung, in Wahrheit liege sie vorn. Mélenchon wiederum beansprucht den Platz des „dritten Mannes“ selbstverständlich für sich. In aller Öffentlichkeit führen sie vor, dass sie sich spinnefeind sind. Mélenchon beschimpfte seine Rivalin als „Faschistin“ und „halbdement“. Marine Le Pen hielt Mélenchon vor, ein „Operettenrevolutionär“ zu sein, der „den Besenwagen“ für den Sozialisten Franois Hollande spiele. Der Krieg der Populisten gipfelte in einer Fernsehdebatte im Hauptabendprogramm, bei der Marine Le Pen schweigend in eine Zeitung vertieft dem Monolog Mélenchons beiwohnte. Sie lehne es ab, mit Mélenchon zu debattieren, sagte sie dem Moderator. Mélenchon versprach Marine Le Pen, „ihre infame Partei und ihre infame Politik zu bekämpfen, wo ich nur kann“.

          Populist ohne Volk

          Dass Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen auch anders können, hat die Journalistin Valérie Trierweiler aufgezeichnet. Sie filmte in der gläsernen Halle des Europäischen Parlaments im vergangenen Februar, wie die beiden miteinander schäkerten und eine gewisse Solidarität erkennen ließen. „Ich bin es satt, als Faschistin behandelt zu werden“, sagte Marine Le Pen. „Das kann ich verstehen. Ich habe es auch satt, als linker Le Pen gehandelt zu werden“, erwiderte Mélenchon, bevor er lachend weiter zog. Inzwischen behauptet Mélenchon, Frau Trierweiler habe ihm eine Falle gestellt. Die Journalistin ist die Lebensgefährtin François Hollandes. „Ich bin eine Populistin für das Volk. Mélenchon ist ein Populist ohne Volk“, sagte Marine Le Pen.

          Will die alte Währung zurück - und noch viel mehr: Marine Le Pen

          Die Programme beider Politiker kennzeichnet eine gewisse Flucht aus der Realität. Marine Le Pen verspricht eine Rückkehr in ein souveränes Frankreich, das ohne Übergangsschwierigkeiten wieder seine eigene Währung ausgibt und seine Landesgrenzen mit Zollschranken und Grenzbeamten vor unloyaler Konkurrenz und unerwünschter Immigration schützt. Sie argumentiert, der Ausstieg aus dem Euro sei unvermeidbar, habe die gemeinsame Währung doch die Wettbewerbschancen Frankreichs ruiniert. Die 43 Jahre alte Frau Le Pen verbindet die Rückbesinnung auf den Nationalstaat mit der Verheißung für alle „eingeborenen“ Franzosen, zum Wohlfahrtstaat der Wirtschaftswunderjahre zurückzukehren.

          „Hugo Chávez à la française“

          Der 60 Jahre alte Jean-Luc Mélenchon verdankt seine Verwandlung in einen „Hugo Chávez à la française“ ohnehin seinem Widerstand gegen den europäischen Verfassungsvertrag. Das Referendum darüber war die eigentliche politische Geburtsstunde des bis dahin braven sozialistischen Hinterbänklers, den viele Genossen noch als disziplinierten Berufsschulminister der Regierung Jospin in Erinnerung haben. Mélenchon fand soviel Gefallen an seiner Rolle als Provokateur, das er seine Partei verließ. Seine Linkspartei fand zwar nicht viel Zulauf, aber er überzeugte die Kommunisten, ihn als Frontmann für die Präsidentenwahl aufzustellen. Seither verspricht er den Franzosen eine Erhöhung des Mindestlohns auf 1700 Euro, die Wiedereinführung der Rente mit 60 Jahren, die Verstaatlichung aller Energieunternehmen und ein Mindesteinkommen für alle Franzosen von 800 Euro monatlich. Produktionsverlagerung in Billiglohnländer soll unter Strafe gestellt werden. Jahreseinkünfte von mehr als 360.000 Euro sollen beschlagnahmt werden.

          Wenn die Reichen dann die Flucht ergreifen, tritt ihnen Mélenchon nach: „Dann sollen sie doch alle verschwinden.“ Das „Institut de l‘entreprise“ hat das Programm des „Front de gauche“ auf 130 Milliarden Euro beziffert. Fragen nach der Finanzierbarkeit seiner Versprechungen weist Mélenchon weit von sich. „Unser Programm ist nach ihren buchhalterischen Maßstäben nicht umsetzbar, aber nach unseren geht es sehr wohl!“, sagte Mélenchon bei einer Großkundgebung in Toulouse. Die Europäische Zentralbank werde sich schon den Vorstellungen fügen, andernfalls sei es an der Banque de France, das „Überlebensrecht“ zu finanzieren.

          Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon hoffen jeweils darauf, die Überraschung des ersten Wahlganges zu verkörpern. Als Kandidaten der Unzufriedenen und Verdrossenen schweigen sie sich darüber aus, was sie machen wollen, sollten sie nicht in den Elysée-Palast einziehen. Ihre Arbeit im Europäischen Parlament nehmen beide Abgeordneten nicht sonderlich ernst: Sie belegen vordere Plätze auf den Schwänzerlisten.

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