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Frankreich : Unwort Integration

  • -Aktualisiert am

Francois Hollande muss ich vor den Königsmördern in Acht nehmen. Bild: AP

Die Amtszeit des französischen Präsidenten Francois Hollande geht zu Ende und die Wut wächst. Die Integrationsdebatte erhitzt die Gemüter.

          3 Min.

          Ist das Mandatsende in Sicht, entwickeln Franzosen grenzenlose Wut auf ihre Präsidenten. Francois Hollande durchläuft gerade ein verschärftes Purgatorium, das seinen Vorgänger Nicolas Sarkozy einmal zu der Äußerung verleitete, in jedem Franzosen schlummere ein Königsmörder. Selbst der heute von allen Seiten verehrte Begründer der V. Republik, Charles de Gaulle, wurde zum Ende verhöhnt. Vertrauensentzug gehört zu den Konstanten der französischen Demokratie.

          Die Franzosen bleiben trotz Niedergangsszenarien ein sehr politisches Volk, das Missstände und Fehlentwicklungen früh spürt. Schon im April 2002 kam es zu einer Wahl des Zorns über die Versäumnisse der politischen Elite. Der Denkzettel, den die Franzosen damals ausstellten, trug den Namen Jean-Marie Le Pen. Im Mai 2005 nahm eine Mehrheit mit dem „non“ im Referendum über den europäischen Verfassungsvertrag das Unbehagen vieler Bürger über die EU vorweg. Vergleichbar früh verabschiedeten sich die meisten Franzosen auch von der Vorstellung, sie seien ein erfolgreiches Einwanderungsland mit einem funktionierenden Integrationsmodell.

          Seit den Vorstadtunruhen im Herbst 2005, als der damalige Innenminister Sarkozy die Einwanderungsjugend „Abschaum“ nannte und die Banlieue „mit dem Kärcher zu reinigen“ versprach, ist Integration zum Unwort geworden. Die Ernüchterung über das eigene Integrationsgeschick erklärt, warum Premierminister Manuel Valls in der Flüchtlingskrise die Contenance verlor angesichts der von Bundeskanzlerin Merkel propagierten „Wir schaffen das!“-Politik. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass sich Frankreich jetzt zu einem Erfahrungsaustausch mit Deutschland in einem beim jüngsten Deutsch-Französischen Ministerrat in Metz angekündigten „Rat der Integration“ bereit erklärt hat. Frankreich hat dabei als älteres Einwanderungsland einen – großteils unrühmlichen – Erfahrungsvorsprung. Die Herausforderungen, die beide Länder heute zu meistern haben, sind jedoch ähnlich. Einwanderer und ihre Kinder machen einen bedeutenden Teil der Bevölkerung aus: ein Viertel in Frankreich und ein Fünftel in Deutschland, wobei der Anteil der Einwanderer der zweiten und dritten Generation in Frankreich wesentlich höher ist als in Deutschland.

          An den Rändern gibt es rechtlose Zonen

          Lange galt es als Vorteil Frankreichs bei der Integrationspolitik, dass die Nation anders als in Deutschland nicht auf einer gemeinsamen Abstammung, Sprache und Kultur beruhe, sondern eine dynamische Willensnation sei. Ernest Renan beantwortete die Frage „Was ist eine Nation?“ in seiner berühmten Rede in der Sorbonne im Jahre 1882 mit dem Satz „Die Existenz einer Nation ist ein tägliches Plebiszit“. Dieses Selbstverständnis gründete auf mehreren Pfeilern, die alle ins Wanken geraten sind: „die republikanische Schule“, der Wehrdienst, Vollbeschäftigung und seit 1905 die „Laizität“, mit der die Religionen eingehegt werden.

          Seit den Ölpreisschocks, dem Beginn von Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit hat das französische Integrationsmodell zu versagen begonnen. An den Rändern der großen Städte bildeten sich rechtlose Zonen und Armutsgettos. Es kam zu einer sozialen Entmischung, vor der die politisch Verantwortlichen lange Zeit die Augen verschlossen. In den Schulklassen spiegelte sich diese Fehlentwicklung wider. Die OECD hat in mehreren Studien ermittelt, dass die Bildungs- und Berufschancen in keinem anderen europäischen Industrieland so stark von der sozialen Herkunft abhängig sind wie in Frankreich. Das ist auch eine Folge der noch unter Präsident Giscard d’Estaing beschlossenen Verlängerung der Einheitsschule bis zur neunten Klasse. Das „Collège unique“ sollte die Chancengleichheit fördern, verstärkte aber die sozial begründeten schulischen Ungleichheiten.

          Islamistische Subkulturen sind erstarkt

          Zusätzlich belastet wurde die Integration der Einwanderer aus dem frankophonen Nord- und aus Schwarzafrika durch die verdrängte Erinnerung an die Kolonialzeit. Frankreich fällt der schonungslose Blick auf seine Kolonialvergangenheit noch immer schwer, wie die jüngste Polemik über das Gedenken an das Ende des Algerien-Kriegs zeigt. Umgekehrt hat diese Zerstrittenheit aber auch eine Opfermentalität bei den Nachfahren der Kolonisierten befördert. Gerade im Umgang mit dem Islam überwiegt bei Franzosen mit Einwanderungshintergrund oftmals die Vorstellung, mit der „Laizität“ wollten die früheren Kolonialherren ihre einstige Repressionspolitik fortsetzen.

          Dies erklärt die Schwierigkeiten, in Frankreich einen gemäßigten, republiktreuen Islam zu fördern. Seit den Banlieue-Unruhen sind islamische Subkulturen erstarkt. Salafistische Prediger, die großen Zulauf finden, stellen systematisch das republikanische Emanzipationsversprechen und das Prinzip der Gleichstellung von Mann und Frau in Frage. Die Terroranschläge im vergangenen Jahr haben die Zweifel verstärkt. „Passfranzosen“ mit Einwanderungshintergrund schlägt inzwischen Misstrauen entgegen, wie die unsägliche Diskussion über den Staatsbürgerschaftsentzug für Terroristen zeigte. Die Integrationsdebatte wird in Paris unter dem Primat der Sicherheit geführt - daran wird auch ein deutsch-französischer Austausch vorerst nichts ändern.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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