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Hollandes neues Buch : Die Macht der Bitterkeit

Der ehemalige Präsident Hollande bringt ein Buch heraus. Bild: AFP

In seinem neuen Buch spricht Frankreichs ehemaliger Präsident Hollande über seine Karriere. Der aktuelle Präsident und alte Parteifreunde kommen dabei nicht gut weg, die Kanzlerin hingegen schon.

          Niemand hat ihn wirklich vermisst. Aber jetzt meldet sich François Hollande zurück, mit einem Buch, das er „Lektionen der Macht“ (Les leçons du pouvoir) betitelt hat. Der Zeitpunkt dieses Comebacks in den Buchhandlungen könnte günstiger kaum sein: Sein Nachfolger im Elysée-Palast ist ins Visier der Kritiker gerückt. Der Frühling verspricht viel soziale Unrast. Schon streiken die Eisenbahner, blockieren Studenten etliche Universitäten, legen Müllwerker, Altenpfleger, Piloten aus unterschiedlichen Gründen die Arbeit nieder.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Hollande verbirgt seine Schadenfreude darüber kaum, ja es wirkt fast so, als könne er den Moment kaum abwarten, in dem sich das politische Wunderkind Macron entzaubert. Einen „vom glücklichen Schicksal“ und dem Zerfall der Regierungsparteien begünstigten Politiker nennt er seinen früheren Berater und Wirtschaftsminister. Bei seinen Presseauftritten zur Buchvorstellung scheint er es geradezu darauf anzulegen, den Unmut über Emmanuel Macron weiter zu entfachen. „Meine Regierungen haben die Ungleichheit verringert, die jetzige Regierung vergrößert sie“, schreibt der frühere Präsident (2012–2017) in seinem Buch. Er befördert Macrons Ruf als „Präsident der Reichen“ und spricht ihm jegliche sozialdemokratische Legitimität ab. „Ich sage es ohne Bitterkeit: Er (Macron) hat sich niemals in die Geschichte und in die Kultur der Sozialdemokratie eingeschrieben. Er steht deshalb nicht für eine Politik, die darin ihre Inspiration schöpft“, sagte Hollande dem Magazin „L’Obs“.

          In seinem Büro an der Rue de Rivoli mit Blick auf die Tuilerien-Gärten muss der 63 Jahre alte Hollande in den vergangenen elf Monaten mit seinem politischen Schicksal gehadert haben, denn zwischen den Zeilen klingt oftmals Bitterkeit mit. Das gilt nicht nur für seinen ihm enteilten politischen Ziehsohn Macron, von dem er mehr Dankbarkeit erwartet hätte: „Ein Präsident erbt immer von seinem Vorgänger.“ Hollande, der Mann der schnellen Scherze, unterstellt dem Jüngeren an mehreren Stellen Größenwahn. Als er ihm, nach längerem Zögern, Ende August 2014 die Leitung des Wirtschaftsministeriums anvertrauen will, soll Macron sofort auch das Finanzministerium verlangt haben. „Ich lehnte ab“, schreibt Hollande. Macron habe dann doch zugesagt. „Die alte Welt war zu ihm damals gastlich und brüderlich“, merkt Hollande sichtlich gekränkt an.

          „Ein Präsident konnte so reden“

          Besonderen Groll hegt der glücklose Präsident gegenüber den „Frondeuren“, jener Gruppe von Parteifreunden, die im Parlament gegen seinen Kurs rebellierten. Die Selbstzersetzung seiner Partei führt Hollande vor allem auf die europäische Frage zurück. „Der Bruch über den europäischen Verfassungsvertrag im Jahr 2005 hat die Parti Socialiste schon beinahe zerstört“, schreibt er. In seiner Amtszeit sei es wieder die europäische Politik gewesen, die seine Partei zerrissen habe. Über die Kritiker in den eigenen Reihen urteilt er in seinem Buch: „Sie wollen keine Kurskorrektur. Sie akzeptieren die gesamte Orientierung, die Entscheidung für Europa nicht.“

          Entschieden korrigiert er den Eindruck, er habe zu Beginn seiner Amtszeit ein Bündnis der Südeuropäer gegen Angela Merkel ausgespielt. „Das ist nicht exakt. ... Angela Merkel hat ihre Thesen verteidigt, sie hat sich Ungenauigkeiten verwehrt und gegen Vereinfachungen gekämpft, aber hat anerkannt, dass Solidarität zur Stabilität beiträgt“, schreibt er. „So geht die Kanzlerin vor. Sie verteidigt die Interessen ihres Landes, aber vergisst nie, Europa voranzubringen“, führt Hollande aus.

          „Manchmal braucht sie dabei Zeit, zu viel Zeit, um zu einer guten Entscheidung zu kommen. Aber sie trifft niemals schlechte Entscheidungen“, lobt er die Kanzlerin. Damit berichtigte er den Eindruck des gegenüber der deutschen Regierungschefin hinterhältig auftrumpfenden Präsidenten, der mit dem Buch „Ein Präsident sollte so nicht reden“ der Journalisten Gérard Davet und Fabrice Lhomme entstanden war. An dem Buch hat Hollande rückblickend nur den Titel auszusetzen, der „den Sinn entstellt“. „Ein Präsident konnte so reden“, überschreibt er die Passage, in der er sich rechtfertigt, den beiden Journalisten so tiefe Einblicke in seine Arbeit gewährt zu haben. Das Buch hatte ihm damals die letzte Glaubwürdigkeit geraubt und seinen Premierminister Manuel Valls dazu bewogen, ihm von einer neuerlichen Kandidatur öffentlich abzuraten. „Wer die Geduld hatte, das Buch zu lesen, hat einen positiven Eindruck behalten“, schreibt Hollande jetzt.

          Diese Form der Realitätsflucht ist bezeichnend für „Lektionen der Macht“. So äußert der Autor zum Schluss auch die Hoffnung, dass die alte Welt der Sozialdemokratie sich wieder aufrichten werde. Er schreibt: „Trotz des Scheiterns, der Bewährungsproben und der Niederlagen ist die Hoffnung noch immer lebendig.“

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